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Zwischen Ansporn und Überforderung

Digitalisierungsschub durch die Coronakrise: Professorinnen der KH Mainz reflektieren über das Für und Wider digitaler Lehre und ihre Erfahrungen im Sommersemester 2020.

© KH Mainz/Mauer

Flexibleres Lernen und didaktische Vielfalt oder mangelnde Struktur und fehlender Austausch in der Einsamkeit der eigenen vier Wände?  Eines steht für Professorin Dr. Ulrike Gerdiken, Professorin Dr. Judith Lehnart und Professorin Dr. Kira Nierobisch definitiv fest: Das digitale Sommersemester 2020 hat die Lehr- und Lernkultur für Lehrende und Studierende der KH Mainz schon jetzt stark verändert – mit positiven wie kritischen Effekten.

In Zusammenarbeit mit der IT-Abteilung fungieren die drei Professorinnen seit Beginn der Coronakrise als federführende Ansprechpartnerinnen und Organisatorinnen zum Thema digitale Lehre. „In der Arbeitsgemeinschaft GLV-Gemeinsam Lehre verbessern, die ich seit diesem Semester leite, ist die Digitalisierung ein Schwerpunktthema und wird von Studierenden und Lehrenden - insbesondere aus didaktischer Sicht - vorangetrieben. Der Digitalisierungsschub durch die Coronakrise hat dem Thema und der Umsetzung entsprechender IT-Voraussetzungen natürlich starken Auftrieb verliehen“, berichtet Kira Nierobisch. Denn klar ist: Digitale Lehre benötigt eine adäquate IT-Infrastruktur und Lehr-Lern-Plattformen, wie Open Olat, die vom Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt wird und an der KH Mainz eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung digitaler Lehre spielt.

Klar ist für die Professorinnen aber auch, dass die Frage nach technischen Aspekten in der Diskussion um digitale Lehre bei Weitem nicht die einzige ist. „Im Zuge der Coronakrise hat die Digitalisierung gerade in der Bildungsdiskussion einen regelrechten Hype erfahren. Meines Erachtens gerät dabei etwas aus dem Blick, dass digitale Lehr-Lern-Formate im Grunde etwas Normales sind – im Sinne von einem Angebot unter vielen, welches die Möglichkeiten erweitert, aber nicht die Lösung für alle didaktischen Herausforderungen darstellt“, schildert Ulrike Gerdiken. Ähnlich sieht es ihre Kollegin Judith Lehnart: „Bei allen technischen Fragen und Möglichkeiten, die von großer Bedeutung sind und uns auch an der KH intensiv beschäftigen, fällt die Frage nach den Inhalten manchmal etwas zurück. Was soll überhaupt transportiert werden? Wo ist welches Tool didaktisch überhaupt sinnvoll und wo sind die Grenzen digitaler Lehre erreicht?“

Die Rückmeldungen der Studierenden und des Kollegiums zeigten grundsätzlich eine große Bereitschaft und Offenheit, Neues auszuprobieren. Auch die wechselseitige Unterstützung und die Solidarität untereinander sei groß, berichten die Professorinnen. „Dabei zeigt sich auch, wie wichtig es ist, nicht zu viel Druck zu machen, was alles sein kann. Ich habe es als sehr positiv erlebt, dass man untereinander um Hilfe bittet und offen kommuniziert, wenn etwas noch nicht rund läuft und man gerade überfordert ist“, berichtet Ulrike Gerdiken. Dies gelte für Studierende und Lehrende in gleichem Maße. „Das digitale Semester hat eine neue Form von Verantwortung für das Lernen mit sich gebracht. Wer sich gut organisieren kann, der ist über die zusätzliche Flexibilität eher dankbar. Andere haben sich beim Lernen zu Hause doch recht alleine gefühlt und kamen mit der Vielzahl der Formate nur schwer zu recht. Das haben wir aufgenommen und arbeiten an einheitlichen Konzepten und Tools, um den Überblick zu erleichtern und mehr Struktur zu geben“, ergänzt Judith Lehnart.  

Die didaktische Vielfalt digitaler Lehre biete allerdings auch spannende Möglichkeiten der Seminargestaltung. „Judith Lehnart und ich haben für eines unserer Seminare beispielsweise vorhandene Lehrvideos genutzt und diese mit Aufgaben und Lerntagebüchern gekoppelt. Hinzu kamen einzelne Live-Sitzungen und ein Live-Blockseminar, in dem Übungen, Kleingruppenarbeit und Präsentationen ebenfalls live per Video stattfanden“, erklärt Kira Nierobisch. Dabei habe sie teilweise eine sehr positive Kultur des gemeinsamen Lernens erfahren. „Als Lehrende ist man stärker die Person, die mitmacht, Rückmeldung gibt und weniger die, die vorgibt. Die Distanz und zeitliche Entzerrung hat dazu geführt, dass Studierende deutlich häufiger den aktiven Part übernommen haben, Fragestellungen und Antworten gemeinsam entwickelt wurden und sich eher eine Lernpartnerschaft zwischen Lehrenden und Studierenden ergeben hat.“

Zugleich zeige die mit der digitalen Lehre verbundene Distanz auch die Grenzen des Machbaren auf. Austausch und Begegnung seien durch digitale Mittel langfristig nicht zu ersetzen. „Das Semester hat uns nochmal ganz deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, dass sich die Menschen begegnen. Lehre in Präsenz ermöglicht aufeinander zu reagieren und wahrzunehmen, was im Raum passiert“, resümiert Ulrike Gerdiken. Lehre sei immer auch professionelle Beziehungsgestaltung, die durch die eher sachorientierte digitale Lehre nur begrenzt möglich sei. Daher sind sich die drei Professorinnen einig: gerade eine Hochschule, die für die unmittelbare Arbeit am und in Beziehung mit Menschen qualifiziert, muss digitale Lehre weiterdenken – offen, kritisch und als eine von mehreren Möglichkeiten des qualifizierten Lehrens und Lernens.

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