Neuer Rahmenlehrplan für die Physiotherapie-Ausbildung in Rheinland-Pfalz an das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Demografie (MSAGD) überreicht

Ein Jahr lang hat ein Expertengremium im Auftrag des Ministeriums unter der Federführung der KH Mainz (Prof. Dr. Susanne Schewior-Popp) gemeinsam eine neue Grundlage für die Physiotherapie-Ausbildung in Rheinland-Pfalz erarbeitet.

Prof. Dr. Susanne Schewior-Popp (KH Mainz) überreicht den neuen Rahmenlehrplan an Staatssekretär David Langner (MSAGD)

Die Mitglieder der Lehrplankommission

Herausgekommen ist ein Curriculum, das sich sehen lassen kann, so das einhellige Urteil der am 6. Juni im MSAGD in Mainz versammelten Lehrplankommission, die sich aus VertreterInnen der Ausbildungsschulen, der Krankenhäuser und der Krankenhausgesellschaft, der Verbände für Physiotherapie, der Krankenkassen und weiterer medizinischer Einrichtungen sowie dem Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung zusammensetzte.

In ihrer Funktion als Vorsitzende der Lehrplankommission überreichte Prof. Dr. Schewior-Popp den Entwurf an MSAGD-Staatssekretär David Langner. Langner zeigte sich sehr erfreut darüber, dass damit die Grundlage geschaffen sei, für das mittlerweile in die Jahre gekommene Gesetz über die Ausübung der Berufe in der Physiotherapie und die entsprechende Ausbildungsordnung aus dem Jahr 1994 eine neue Umsetzungsgrundlage zu schaffen.

Einführend bedankte sich Prof. Dr. Schewior-Popp beim Projektteam der KH Mainz (Prof. Dr. Andrea Reißig, Prof. Dr. Marion Riese sowie Dörthe Höhle M.A.) und allen Mitgliedern der Kommission für deren großes Engagement. Dank dieses Einsatzes könne die physiotherapeutische Ausbildung in Rheinland-Pfalz nun sowohl fachlich als auch berufspädagogisch völlig neu strukturiert werden, erläuterte die Vorsitzende der Lehrplankommission bei der Präsentation des Rahmenlehrplans. Notwendig sei dies einerseits mit Blick auf fachliche Veränderungen geworden. Aufgrund der demografischen Entwicklung und der damit einhergehenden Multimorbidität von PatientInnen werden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten immer häufiger zur Behandlung von älteren chronisch kranken Menschen hinzugezogen. Gleichzeitig gewinnen eine sektorenübergreifende Gesundheitsversorgung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Physiotherapie mit anderen Gesundheitsberufen weiter an Bedeutung. Veränderungen im Gesundheitssystem wirken sich auf das Gesundheitsverständnis, die Behandlungsplanung oder auch die Bedeutung von Qualitätssicherung und Effizienz in den Gesundheitsfachberufen aus. Clinical Reasoning, Evidenzbasierung oder die International Classification of Functioning Disability and Health (ICF) zählen zwischenzeitlich zu den anerkannten Qualitätsstandards der Disziplin; das „alte“ Physiotherapiegesetz trägt diesen jedoch noch nicht Rechnung.

Aber auch aus fachdidaktischer Sicht sei eine Aktualisierung dringend geboten gewesen, erklärte Prof. Schewior-Popp weiter. Deshalb sei die Lehrplankommission dem Lernfeldkonzept der Kultusministerkonferenz von 2011 gefolgt. Während die Physiotherapieausbildung bisher streng nach Fächern strukturiert sei, stünden künftig Handlungsorientierung und Kompetenzvermittlung im Mittelpunkt. Erreicht werde dies durch eine konsequente Übertragung von Fachinhalten in Lernfelder. Die für die Berufsausübung erforderlichen Kompetenzen würden auf der Grundlage konkreter beruflicher Problemstellungen erlernt. Ziel sei die Vermittlung einer umfassenden professionellen Handlungskompetenz. Das entwickelte Curriculum verfüge über eine modularisierte Struktur für alle drei Ausbildungsjahre. Einzelne Lernfelder erstreckten sich dabei über mehrere Module, andere sogar über die gesamte Ausbildungszeit.

Der Lehrplankommission sei nach anfänglichen Startschwierigkeiten ein großer Wurf gelungen, so denn auch die Bilanz der Lehrplankommission. „Physio-Deutschland schaut auf Rheinland-Pfalz!“, fasste es der Vorsitzende des Verbands der Leitenden Lehrkräfte an Schulen für Physiotherapie (VLL), Thomas Wecker, zusammen. Dass das Bundesland hierbei eine Vorreiterrolle einnehme, sei nicht zuletzt dem Ministerium zu verdanken, welches die Arbeit nicht in die Hände einzelner Experten gelegt habe, sondern alle Beteiligten des Berufsfeldes an einem Tisch versammelt habe. Allerdings dürfe das Ministerium seine Arbeit nicht mit der Verabschiedung des Rahmenlehrplans beenden, sondern müsse auch die Umsetzung in die Praxis begleiten, so Wecker weiter. Denn für die PT-Schulen und ihre Lehrkräfte fange die eigentliche Arbeit damit erst an, schließlich werde die Ausbildung der angehenden Physiotherapeuten vom Kopf auf die Füße gestellt. In diesem Prozess müssten die Lehrkräfte fachlich-didaktisch unterstützt und weitergebildet werden, formulierte Renate Bauder-Maenner, Leiterin der Physiotherapieausbildung (PT-Akademie) an der BG-Klinik Ludwigshafen, ihre dringende Bitte an das Ministerium. Darüber hinaus sei es nötig, schnellstmöglich die Regelungen für die Abschlussprüfungen der neuen Ausbildungsordnung anzupassen, damit Lehrende und Lernende von Anfang an wüssten, was auf sie zukomme.

Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel in der Physiotherapie sei es geboten, schnell für Kohärenz von Ausbildung und Prüfungsvorgaben zu sorgen, um die ohnehin schwierigen Rahmenbedingungen des Berufs nicht weiter zu verschlechtern. Neben rückläufigen Auszubildendenzahlen sei eine weitere Folge dieser Rahmenbedingungen, dass die frisch ausgebildeten PhysiotherapeutInnen oft gar nicht in ihrem eigentlichen Berufsfeld ankämen oder bereits nach kurzer Praxiserfahrung wieder ausstiegen. Dr. Ulrich Betz, Leiter des Instituts für Physikalische Therapie, Prävention und Rehabilitation der Universitätsmedizin Mainz, bestätigte diese Erfahrung auch für sein Haus. Angesichts der inhaltlichen Breite und Tiefe der Physiotherapie, die von den Fachschulen in drei Jahren kaum vermittelt werden könne, warb er deshalb auch für eine fortschreitende Akademisierung des Berufsfeldes, was gleichzeitig die gesellschaftliche und monetäre Anerkennung der Disziplin steigern könne.

Dass das Ministerium im Gespräch mit den Kostenträgern über die Rahmenbedingungen sei, erläuterte Roland Krick, zuständiger Fachreferent im MSAGD. Allerdings gestalte sich dies mit Blick auf die finanziellen Aspekte nicht einfach. Auch habe das Ministerium die Aktualisierung der Prüfungsregelungen im Blick. In einem nächsten Schritt werden alle Fachschulen um ihre Stellungnahme zum neuen Lehrplan gebeten. Nach seiner Verabschiedung wird er für alle Physiotherapieschulen in Rheinland-Pfalz verbindlich sein. Einen zeitlichen Fahrplan hierfür wird es voraussichtlich im kommenden Schuljahr geben.