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Gesundheitsforschung für eine starke Praxis

Zum 1. Interdisziplinäre Symposium der Gesundheitsfachberufe an der KH Mainz, das unter dem Blickwinkel der „Gesundheitsforschung für eine starke Praxis“, am 21. Januar 2016 durchgeführt wurde, begrüßte die Dekanin, Prof.in Dr. Renate Stemmer, Gäste aus den Kooperationsschulen, Alumnis, Studierende aus anderen Studiengängen und Interessierte. Forschung, so ihre Aussage, ist ein u.a. im Hochschulgesetz verankerter Auftrag, den die KH Mainz als Hochschule für angewandte Wissenschaft an- und aufgenommen hat. Forschungskompetenz könne aber nur durch Forschungserfahrung gewonnen werden. Entsprechend führen alle Studierenden der beiden Masterstudiengänge im Fachbereich Gesundheit und Pflege in Umsetzung eines spezifischen Moduls eigene Forschungsprojekte durch. Dafür stehen ihnen zwei Semester zur Verfügung. Begleitet werden sie durch ein Dozententeam, in diesem Jahr waren dies Prof. Gunnar Haase Nielsen und Prof.in Dr. Renate Stemmer sowie fachspezifisch Prof.in Dr. Sabine Corsten und Hochschullehrerin Marion Riese. Nach der Begrüßung übernahm Prof. Nielsen das Wort und moderierte fortan die Veranstaltung.

Die erste Forschungsgruppe beschäftigte sich mit der Frage der handlungsleitenden Aspekte von Pflegenden. Dabei stellten sie Gründe wie Sicherheit, Handlungskompetenz sowie Empathie als Beispiele handlungsleitender Aspekte vor. Allerdings merkte die Gruppe kritisch an, dass das intuitive Handeln zu einem zentralen und leitenden Aspekt zählt, wenngleich die Pflegenden im Zuge der Professionalisierung den Blickwinkel des evidenzbasierten Handelns anstreben.

Im Anschluss wurden die Ergebnisse zu Untersuchungen hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen Ausbildung und Selbstwahrnehmung bei Pflege- und Assistenzberufen im perioperativen Setting vor dem Hintergrund der fehlenden Definierung pflegerischer Kompetenzen vorgestellt. Hierbei zeigte sich, dass eine eindeutige Definition pflegerischer Aufgaben sowie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit förderliche Faktoren für die Selbstwahrnehmung der jeweiligen Berufsgruppen darstellen können.
Die dritte pflegerische Forschungsgruppe widmete sich der Perspektive von Auswirkungen der Gestaltung von Pflegeprozessen im psychiatrischen Setting auf die Selbstwirksamkeit bei Patienten/-innen. Sie konnten dabei aufzeigen, dass die Selbstwirksamkeit als zentraler Bestandteil bei sozialpsychiatrischen Konzepten wie Empowerment und Recovery angesehen werden kann und demzufolge, insbesondere bei chronisch kranken Menschen, gefördert werden muss.

Vor dem Hintergrund einer multifaktoriellen Genese überprüfte die vierte pflegerische Gruppe nicht-pharmakologische Interventionen bei Schlafstörungen auf allgemeinpsychiatrischen Stationen. Dabei konstatierten sie, dass Maßnahmen zur Schlafhygiene eine krankheitsspezifische, individuelle Partizipation bei entsprechenden Patientengruppen mit sich bringen. Außerdem stellten sie fest, dass nach den durchgeführten nicht-pharmakologischen Interventionen keine Verschlechterung der Schlafqualität im Vergleich zum vorherigen Erhebungszeitpunkt aufkam.

Nach der Mittagspause wurde das Erleben einer nicht-invasiven Beatmung bei Erwachsenen auf Intensivstationen vorgestellt. Gefühle seitens der Betroffenen wie die empfundene Ohnmacht, das Nachdenken über die Zukunft sowie die Erfahrung von verbesserter Lebensqualität durch die nicht-invasive Beatmung wurden in beeindruckender Form beschrieben. Allerdings zeigte sich, dass durch die einhergehende Sprachlosigkeit, die sich darbietende Abhängigkeit sowie das Gefühl einer empfundenen Entmündigung ergeben hatten. Demzufolge lokalisiert sich die Beatmungsform bei Betroffenen zwischen Ablehnung und Akzeptanz.

Eine Forschungsgruppe mit physiotherapeutischem Hintergrund betrachteten die Auswirkungen des detonisierenden Trapeziustapes (Kinesiotape) auf die Partizipation von Nacken- und Kopfschmerzen bei Studierenden. Die Resultate zeigten einen Unterschied im Neck-Disability-Index nach der Anwendung des Tapes. Die Forscherinnen sprachen sich daher für die Anwendung des Kinesiotapes am Arbeitsplatz zur Reduktion von Beschwerden und einer intensiveren Grundlagenforschung zum Thema aus.

Eine Antwort hinsichtlich der Frage, auf welcher Grundlage Eltern über den Gebrauch von Beruhigern entscheiden, versuchte ein Forschungsteam aus logopädischer Sicht zu erhalten. Bei den Untersuchungen stellten „orale Habits“ und deren Auswirkungen auf orofaziale Funktionen den wesentlichen Gesichtspunkt des Vorhabens dar. Dabei zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der Eltern keine Kenntnis über mögliche Folgen der Benutzung von Beruhigern hatten. Demzufolge sehen die Forscherinnen die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Hebammen als förderlich an, da sie sich durch die Vernetzung der fachlichen Expertisen beider Berufsgruppen einen Vorteil bezüglich der Beratung der Eltern erhoffen.

Ein interdisziplinäres Team (Hebammenwesen und Pflege) erforschte, wie Väter frühgeborener Kinder den Erstkontakt mit ihren Kindern vor der Verlegung auf eine perinatologische Intensivstation erlebten. Dabei identifizierten sie Gefühle wie Machtlosigkeit im Umgang mit der Situation. Darüber hinaus wurden Aspekte der Trübung von Freude und Stolz durch die Sorge um mögliche Komplikationen beschrieben. Durch die Unterstützung des erfahrenen Fachpersonals fühlten die neu geworden Väter in ihrer Herausforderung allerdings eine deutliche Entlastung, was ihnen einen zuversichtlichen Blick in eine gemeinsame Zukunft mit der Familie bescherte.

Nach einer kurzen Kaffeepause wurde am Mittag das spannende Symposium, das stets von der Interaktion mit interessierten Zuhörern geprägt war, mit einem Beitrag über das Erleben des Erstkontakts mit dem Tod bei Pflegenden in der Ausbildung fortgesetzt. Dieses Erlebnis wurde als äußerst emotional beschrieben und löste bei den befragten Personen Gefühle wie Angst und Unsicherheit aus. Eine besondere Rolle für den Umgang mit dem ersten Erleben von Tod und Sterben, spielte die persönliche Beziehung zwischen den Auszubildenden und den verstorbenen Patienten/-innen. Dabei wurde die Möglichkeit, sich von den Verstorbenen verabschieden zu können als positiv beschrieben.

Aufgrund des demographischen Wandels steigt die Zahl älter werdender Menschen und somit auch die Anzahl pflegebedürftiger Menschen in Pflegeeinrichtungen. Teilweise ist in den Pflegeheimen eine geringe Beteiligung an den Freizeitangeboten zu verzeichnen. Daher wurde durch eine weitere Gruppe die Auswirkungen biographischer Daten auf das Interesse an Betreuungsangeboten untersucht. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass eine Verbesserung der Teilnahme durch die Berücksichtigung individueller Wünsche und Vorlieben der Bewohner/-innen erzielt werden kan

Kulturelle Besonderheiten im pflegerischen Handlungsfeld wecken nicht nur Neugierde und Interesse, sondern werden auch als allgemeine Bereicherung für das Team angesehen. Dabei scheinen sowohl Zufriedenheit als auch Akzeptanz proportional zur Sprachsicherheit der aus dem Ausland stammenden Pflegekräfte zu steigen. Diese Ergebnisse wurden im vorletzten Beitrag, auf die Frage nach dem Erleben von Multikulturalität im Pflegeteam beschrieben. Besonders betont wurde dabei, dass die Integration innerhalb des Pflegeteams als Entwicklungsprozess erlebt wird, bei dem erfahrene Teammitglieder sowie die Teamleitungen als Tutoren/-innen für neue Kollegen/-innen fungieren können.

Der letzte Beitrag des Tages handelte von der Arbeitsbelastung Pflegender im ambulanten und stationären Bereich. Dabei zeigten Pflegende im stationären Bereich eine eindeutige Mehrheit hinsichtlich der Belastungen durch hohes Arbeitsaufkommen auf, weil dort häufig körperliche Anforderungen den Arbeitsalltag bestimmen. Weitere Belastungsfaktoren im stationären Setting stellen emotionale Anforderungen aufgrund psychischer Belastungen dar. Auch im ambulanten Setting zeigten die Probanden/-innen ebenfalls eine Häufigkeit bezüglich emotionaler Anforderungen, im Unterschied zu den körperlichen bzw. quantitativen Anforderungen. Hier wurde das Belastungserleben als eher selten beschrieben.  

Prof.in Dr. Sabine Corsten sowie Marion Riese bedankten sich nicht nur bei den Referenten/-innen für ihre spannenden Beiträge, sondern auch explizit für die engagierte Art und Weise, mit der die einzelnen Forscherteams während des letzten Jahres ihre Forschungsfragen bearbeitet hatten. Schlussendlich kann das erste, aber sicherlich nicht das letzte interdisziplinäre Symposium an der Katholischen Hochschule Mainz, als Fortschritt und förderlicher Beitrag für die Vernetzung gesundheitsorientierter Studiengänge angesehen werden.  

von Karsten Gensheimer und Prof.in Dr. Renate Stemmer / Bilder: KH Mainz