Schriftgröße A A A

Fachtagung Digital 2020: Werte und politische Kommunikation im Internet - Meinungsmache oder Einladung zur Partizipation?

Diskussionsrunde am zweiten Tag der Fachtagung Digital 2020 mit (v.l.n.r.) Markus Schuck (AKSB), Prof. Dr. Alexander Filipović (HfPH, München), Prof. Andreas Büsch (Clearingstelle Medienkompetenz an der KH Mainz) und Dr. Volker Nies (Fuldaer Zeitung).

Angesichts von Verschwörungstheorien, Algorithmen, Social Bots und Fake News erhält die Frage nach der Wahrheit von Nachrichten neue Relevanz. Und angesichts mehrerer Landtagswahlen und der Bundestagswahl stellt sich die Frage, ob diese neuen Faktoren Einfluss auf Stimmungen und Wahlverhalten haben.

Zum Auftakt der Fachtagung Digital 2020 referierte Reinhard Schlinkert, Generalbevollmächtigter von infratest dimap, über die Veränderungen der digitalen Gesellschaft aus Sicht der Meinungsforschung. Dazu stellte er ausgewählte Ergebnisse der Studien „Glaubwürdigkeit der Medien“ (erstellt im Auftrag des WDR 2016) und „Sachsen-Monitor 2016“ vor: zwar gilt das Internet in der Gesamtbevölkerung als drittgrößte Informationsquelle, dennoch wird es in der Bevölkerung nicht für sehr glaubwürdig gehalten. Seine Eingangsfrage, ob das Internet tatsächlich politische und gesellschaftliche Diskurse verändere, verneinte Schlinkert abschließend: zwar sei das Klima im Netz rauer geworden, woran populistische Parteien und Akteure deutlichen Anteil haben. Aber dafür ist das Internet nicht die Ursache. Und wer beim digitalen Nachrichtenkonsum nachdenkt, lässt sich nicht beeinflussen.

Konrad Lischka, Project Manager bei der Bertelsmann Stiftung, erläuterte am Beispiel einer Google-Recherche und eines Facebook-Feeds die Auswahlkriterien und Wirkungen von Algorithmen und zeigte damit, dass algorithmische Entscheidungen schon lange keine Science-Fiction mehr sondern in der Gegenwart angekommen sind: indem Facebook und Google Nutzerreaktionen auf bestimmte Seiten, Likes und Inhalte angeklickter Seiten analysieren, beeinflussen sie die zukünftig angezeigten Seiten. Zentrales Problem dabei ist, dass es scheinbar nur noch eine algorithmisch strukturierte Öffentlichkeit gibt. Die Resonanz einzelner Beiträge oder Suchergebnisse ist damit kein verlässliches Signal für Qualität von Diskursen. Als Fazit appellierte Lischka, dass mehr Vielfalt und Evaluation der Mechanismen nötig seien, um die Öffentlichkeit in der digitalen Sphäre strukturieren zu können.

Ralf Güldenzopf, Leiter der Politischen Kommunikation der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Berlin, machte in seinem Vortrag darüber, ob und wie das Internet Wahlkampagnen verändert, darauf aufmerksam, dass es speziell in der politischen Kommunikation darum gehen muss, zielgerichtete Botschaften an die Wähler zu vermitteln und Meinungsblasen zu identifizieren. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass Plattformen wie Facebook und Twitter ihre Verantwortung bezüglich „Hygienefaktoren“ wahrnehmen und so dazu beitragen Fake news, Hate speech etc. zu löschen und zu melden.

Der erste Tag der Digital2020 endete mit einem Vortrag von Daniel Poli, Leiter des Geschäftsbereichs Qualifizierung und Weiterentwicklung der Internationalen Jugendarbeit bei IJAB, über das „Internet als Chance für die Partizipation junger Menschen“. Poli stellte fest, dass die Belange Jugendlicher zwar durch Familien- und Bildungspolitik vertreten werden, dennoch bspw. bezüglich der Ressourcenverteilung und Art der Partizipation noch Interessenskonflikte bestehen. Da Jugendliche eher zu kurzfristigem politischem Engagement für konkrete lebensweltbezoge Themen tendieren, ist es nicht leicht, dieses umzusetzen.

Der zweite Tag bot zwei Diskussionsrunden mit je einer Vertreter/-in aus Wissenschaft und Praxis. Das Eingangsstatement zur ersten Runde lieferte Prof. Dr. Alexander Filipović, Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München. Er sprach über ethische Implikationen der (politischen) Kommunikation im Netz und betonte, dass der ursprüngliche Zweck von Social Media war, Menschen zusammenzuführen und einander näher zu bringen. Durch Hate Speech, Fake News, politische Beeinflussung etc. sind die desintegrativen Effekte der interaktiven Online-Kommunikation jedoch gestiegen; die Folge davon sind Vertrauensverluste und ungleiche Partizipationschancen. Um den ursprünglichen Zweck von sozialen Medien wiederherzustellen forderte Filipović „Medienwirkungskompetenz“, welche sich am Gemeinwohl und Wahrhaftigkeit orientieren und die Rechte anderer im Blick haben müsse. Die Verantwortung dafür liege nicht allein bei politischen Akteur/-innen, sondern sei geteilt: auch die Plattformen tragen Verantwortung und letztlich die Nutzer/-innen für den eigenen Mediengebrauch.

Den Auftakt zur zweiten Runde machte Prof. Dr. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialiät am Institut für Sprach-, Medien- und Musikwissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sie brachte in ihrem Vortrag „Posten, twittern, liken: Auf dem Weg zum digitalen Citoyen?“ die bisherige Tagung auf einen Nenner und hielt fest, dass wir mehreren Herausforderungen der Digitalisierung gegenüber stehen: der Fragmentierung durch digitale Medien als Demokratieproblem, Algorithmen als neuen Schleusenwärter des Wissens, dem Verfall der Diskurskultur in Form von Hate Speech sowie dem Phänomen der neuen Meinungsmache im Netz, bspw. in der Form von Social Bots und Fake Followern. Thimm resümierte, dass es nicht nur einer Digitalethik, sondern einer digitalen Werteordnung sowie rechtlicher Rahmenbedingungen und Regulierungen für das Netz bedürfe, um diesen Herausforderungen entgegen zu treten.

Begleitet wurden alle Vorträge von erkenntnisreichen Diskussionen, die von Prof. Andreas Büsch, Lothar Harles, Dr. Karl Weber, Markus Schuck und Pit Holnick moderiert wurden. Am Ende der zweitägigen Fachtagungen waren sich die Veranstalter/-innen und Teilnehmenden darin einig, dass politische Kommunikation in einer digitalisierten Gesellschaft online stattfinden muss, um eine Partizipation aller zu gewährleisten.

Prof. Andreas Büsch, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz, stellte ausdrücklich fest: „Voraussetzung gelingender Partizipation ist der gebildete Medien-Nutzer, wobei sich Medienbildung ebenso wie die Vermittlung von Medienkompetenz um Wertedebatten bemühen müssen. Denn die zentralen ethischen Herausforderungen digitaler Kommunikation liegen auf der Ebene der Menschenrechte und der Grundrechte der Meinungs- und Informationsfreiheit. Und die nötigen Abwägungen kann kein Algorithmus leisten.“

„Mit der Tagung ist deutlich geworden, dass wir ein Thema diskutieren, dass allen unter den Nägeln brennt: den Bürgerinnen, Journalisten, Wissenschaftlern und Akteuren der Bildungsarbeit. Sie alle erkennen mit großer Sorge die Entwicklung der Kommunikation im Netz und suchen nach Gegenstrategien. Wir werden daher an unserer Reihe Digital 2020 auch im kommenden Jahr festhalten, um weiter gemeinsam mit Wissenschaft, Politik und Wirtschaft die Entwicklung der digitalen Gesellschaft kritisch zu verfolgen“, resümierte Gunter Geiger, Leiter des Bonifatiushaus in Fulda.
Mit diesem Vorhaben sind jedoch untrennbar weitere Fragen verbunden, die es zu klären gilt: Wie sieht eine Demokratie im Netz aus und was ist für ihre Umsetzung nötig? Welche Wege und Mittel sind für eine demokratische Öffentlichkeit notwendig? Wie kann der mündige Bürger, der Citoyen, durch Medienwirkungskompetenz gestärkt werden? Und wer trägt die Verantwortung für die Vermittlung dieser Kompetenz? Fragen, denen sich Politik, Bildung und Wissenschaft durchaus weiterhin stellen und auf die sie eine Antwort finden müssen.

von Prof. Andreas Büsch | Bild: AKSB