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Physiotherapie - Quo Vadis?

Die Professorinnen für Physiotherapie der KH Mainz: Prof. Dr. Andrea Reißig (l.) und Prof. Dr. Marion Riese. (Bild: KH Mainz)

Frau Riese, Sie haben Ihre Antrittsvorlesung vor kurzem unter den Titel „Physiotherapie Quo Vadis" gestellt. Wo geht der Weg in der Physiotherapie denn Ihrer Ansicht nach hin?

Er geht aus meiner Sicht in Richtung Akademisierung, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Komplexität der Krankheitsbilder (Multimorbidität) in einer alternden Gesellschaft. Allerdings sehe ich eine reine grundständige Akademisierung nicht als die Lösung. Es sollten alle Ausbildungsmöglichkeiten nebeneinander bestehen bleiben. Ein „Sowohl-als auch“, und kein „Entweder-oder“ ist aus meiner Sicht das Richtige. Entscheidend ist eine Durchlässigkeit des Ausbildungssystems zu schaffen. Nur so können wir den Fachkräftemangel in unserer aktuellen demographischen Situation bewältigen. Alle sollten die Möglichkeit haben ein „reflektierter/reflektierender Praktiker“ zu werden, das sind Physiotherapeuten mit Bachelorabschluss.

Ein Jahr lang hat ein Expertengremium im Auftrag des Ministeriums unter der Federführung der KH Mainz (Prof. Dr. Susanne Schewior-Popp) gemeinsam eine neue Grundlage für die Physiotherapie-Ausbildung in Rheinland-Pfalz erarbeitet. Sie beide haben in diesem Projekt mitgearbeitet. Frau Reißig, inwiefern stellt diese Neuerung eine Chance zur Weiterentwicklung des Berufes der Physiotherapie dar?

Der Weltverband für Physiotherapie (WCPT, World Confederation for Physical Therapy) hat sich zum Ziel gesetzt, die Qualität der weltweiten medizinischen Versorgung durch Einführung und Förderung von Standards in physiotherapeutischer Ausbildung und Praxis zu verbessern (Deutscher Verband für Physiotherapie e. V., 2017). Ein erster wichtiger Schritt ist hierbei die Integration neuer Techniken, Methoden, Ansätze und Konzepte in die Ausbildung. Dazu müssen in der beruflichen Ausbildung unter anderem ausgeprägte „Clinical Reasoning“-Fähigkeiten erworben werden, die nicht nur auf biomedizinischem Fachwissen basieren, sondern erweiterte Handlungskompetenz umfassen. Dabei sollte die ICF (International Classification of Functioning Disability and Health) berücksichtigt werden, die biologische, psychologische, soziale und individuelle Aspekte einer erkrankten Person in den physiotherapeutischen Zusammenhang stellt. Auch die Berücksichtigung der EBP (Evidenzbasierte Praxis), worunter der bewusste, explizite und urteilsfähige Einsatz der derzeit besten Beweise in der klinischen Entscheidungsfindung für individuelle Patienten verstanden wird, ist essentiell und sollte zukünftig Anwendung finden.
Um dies zu erreichen leistet der aktuell erarbeitete Rahmenlehrplan mit dem Konzept des kompetenzorientierten Lehren und Lernens sowie einem modularen Aufbau einen wichtigen Beitrag.

Frau Riese, sie haben eine Physiotherapie-Ausbildung gemacht und im Anschluss Physiotherapie (Bachelor) und Erwachsenenbildung (Master) studiert. Bei Ihnen Frau Reißig kam zuerst das Sportstudium und dann die Ausbildung in der Physiotherapie. Heute sind Sie beide Professorinnen für Physiotherapie an der KH. Was hat Sie angetrieben, diesen Weg zu gehen und sich stetig weiterzuentwickeln?

Riese: Als ich meine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht habe, gab es noch keine Studiengänge für die Physiotherapie. Erst die Bologna-Reform 1999 brachte die Akademisierung. In der Physiotherapie gibt es erste Studiengänge seit 2001. Ich war damals schon Lehrerin an einer staatlichen Berufsfachschule und wusste sofort, dass ich nicht um ein Studium herumkomme. Also habe ich 2005 Physiotherapie studiert. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dann das Masterstudium „Erwachsenenbildung“ durchzog.
Nachdem ich an den Schulen in Augsburg, Tübingen und Frankfurt Physiotherapieschüler unterrichtet hatte, führte mich mein Weg nach Mainz. Erst als Lehrbeauftragte, dann Hochschullehrerin und nach der Promotion auch Professorin für Physiotherapie.
Mich hat immer bewegt, wie ich Patienten helfen kann und wie ich Schüler und Studierende das persönliche Wachstum ermöglichen kann. Meine Neugier hat mir dabei immer geholfen.

Reißig: Das Thema „Bewegung“ zieht sich wie ein roter Faden durch meine Ausbildung und berufliche Laufbahn. Dieses Thema würde ich somit als stetige Motivation bezeichnen, ebenso wie die Freude daran, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen.
Mit der Zielsetzung, Bewegung im medizinisch-therapeutischen Kontext einzusetzen, um diese zu erhalten oder wiederherzustellen, habe ich unmittelbar an das Studium der Sportwissenschaften eine Physiotherapieausbildung angeschlossen. Bereits während der ersten Berufsjahre als Physiotherapeutin konnte ich durch Mitarbeit in einem Forschungslabor für Bewegungsanalyse das Wissen als Physiotherapeutin mit den Inhalten des sportwissenschaftlichen Studiums kombiniert anwenden. Weitere Herausforderungen waren der Aufbau und die Leitung eines Ganganalyse-Labors, eigene Forschungsarbeiten, Promotion sowie der Wechsel in einen internationalen med.-wiss. Bereich eines großen Unternehmens. Physiotherapie habe ich dabei immer als einen extrem wichtigen Bestandteil in der Therapie von Bewegungsstörungen gesehen, diese in Studienkonzepte integriert und das wissenschaftliche Arbeiten der Physiotherapeuten durch spezielle Fortbildungskurse und Schulungen unterstützt. Nach den vielen Jahren der Forschungstätigkeit - begleitet von Lehre - hatte ich den Wunsch, die Gewichtung umzudrehen und mich der Lehre - begleitet von wissenschaftlichem Arbeiten –zu widmen. Dafür habe ich hier an der Katholischen Hochschule die besten Möglichkeiten.

Nun  werden voraussichtlich nicht alle, die ein Physiotherapie-Studium beginnen, eine akademische Karriere einschlagen bzw. einschlagen wollen. Welche Perspektiven eröffnet ein Studium in der Physiotherapie oder anders gefragt, was kann ich damit machen?

Riese: Ein Studium in der Physiotherapie eröffnet, wie in allen anderen europäischen Ländern, zuerst einmal den Weg zum Patienten, an die „Therapiebank“ bzw. ans „Patientenbett“. Natürlich qualifiziert ein Master-Studium auch für die Lehre und Führungspositionen und für die Forschung. Sinnvoll wäre auch ein Promotionsrecht in der Physiotherapie.

Reißig: Wie auch der Rahmenlehrplan für die physiotherapeutische Schulausbildung zielt das Studium auf eine Erweiterung der Handlungskompetenz ab. Das Studium selbst ist somit kein Garant für eine interessante berufliche Tätigkeit, sondern das, was jeder einzelne daraus macht. Durch gezielte Praktika während des Studiums, gekoppelt mit der Anwendung von evidenzbasierter Bearbeitung individueller Themen erhalten die Studierenden einen Einblick, wie sich Studieninhalte in der Praxis anwenden und umsetzen lassen. Auch die gegenseitige Präsentation verschiedener Handlungsfelder von und für Physiotherapeuten zeigt neue Perspektiven auf. Gemäß der Wahlbereiche Pädagogik, Management und Klinische Expertise finden sich unterschiedliche interessante Einsatzmöglichkeiten, z.B. in der Lehre, Aus- und Weiterbildung, in Unternehmen, Netzwerken, Verbänden, im Verlagswesen, Sport- und Rehabilitationseinrichtungen sowie in der Forschung.

Inwiefern setzen Sie in Ihrer Lehre und Forschung an der KH Mainz Impulse zur Weiterentwicklung des Berufes?

Riese: Mir ist es wichtig, Studierende zur Reflexionsfähigkeit und zu Selbstgesteuertem Lernen zu bringen. Immer in dem Bewusstsein, dass man Lernern nicht erzeugen sondern nur ermöglichen kann. Außerdem möchte ich, dass die Studierenden sich mit ihren Beruf identifizieren. Im Mittelpunkt steht der Patient, dem wir helfen wollen.

Reißig: Da ich viele Jahre im Forschungsbereich tätig war sehe ich speziell hier gute Möglichkeiten, mich in Forschung und Lehre entsprechend einzubringen. Bereits bevor ich an die Katholischen Hochschule kam wurde der Master-Studiengang „Klinische Expertise“ etabliert - eine tolle Chance und Herausforderung für die Studierenden, ihr Fachwissen zu vertiefen und wissenschaftlich anzuwenden. Mit dem zeitnahen Start von Forschungsprojekten und das Einbinden von Studierenden hoffe ich, deren Neugier und Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten zu wecken. Allgemein dienen aber auch Projekte, wie z.B. die Erstellung des Rahmenlehrplans, der Weiterentwicklung des Berufes.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, mit dem Sie sofort eine Veränderung bzw. Weiterentwicklung in der Physiotherapie herbeiführen könnten, wie würde dieser aussehen?

Riese: Ich wünsche mir den „Direktzugang“ bei Erkrankungen des Bewegungsapparats. Dies ist heute nicht gegeben. Jeder Patient muss erst zum Arzt, der ein Rezept ausstellt, bevor ein Physiotherapeut arbeiten darf. Physiotherapeuten mit Staatsexamen und Bachelorabschluss und einer dreijähren Berufstätigkeit brauchen kein Rezept, Ihnen gebührt der Direktzugang.

Reißig: Im internationalen Vergleich bestehen deutliche Unterschiede in der Ausbildung der Physiotherapeuten sowie in der Berufsausübung. Während in Deutschland Physiotherapie immer noch als weisungsgebundener „Heilhilfsberuf“ gilt, haben sich die Therapieberufe allgemein weiterentwickelt. International gehört Forschung als fester Bestandteil zu physiotherapeutischem Wirken, die Anwendung diagnostischer Instrumente und neue Verfahren zur Befunderhebung, sowie die Überprüfung verschiedene Therapiemethoden auf ihre Wirksamkeit. Es wird zunehmend mehr nach dem Grundsatz der „evidenzbasierten Praxis“ gearbeitet.
Mein Wunsch ist eine Standardisierung und Vereinheitlichung der Ausbildung mit dem Ziel fortschreitender Professionalisierung auf einem hohen Niveau. Dazu gehört die Weiterentwicklung der akademischen Ausbildung für Physiotherapie, wie es bereits in anderen europäischen Ländern praktiziert wird. Professionalisierung, erhöhte Kompetenz und das damit verbundene eigenständige Arbeiten von Physiotherapeuten schafft eine solide Grundlage für eine verbesserte Zusammenarbeit im interdisziplinären Team, was sowohl für den Patienten selbst als auch für die Leistungserbringer volkswirtschaftlich wünschenswert wäre.

Das Gespräch führten Dörthe Höhle und Christina Mauer