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„Geld muss dienen und nicht regieren!“ (Papst Franziskus)

Als Papst Franziskus seine Enzyklika „Evangelii Gaudium“ veröffentlichte, sorgte er damit weltweit für Aufsehen und löste bis heute andauernde Diskussionen in der medialen, wissenschaftlichen und politischen Öffentlichkeit über den Kern und das Ausmaß sozialer Gerechtigkeit aus. Auch forum sociale Mainz e.V., die Hochschulgesellschaft der KH Mainz, hat sich dieser Debatte angenommen. Als Hochschule mit einem christlichen Selbstverständnis und Werteprofil, hat die KH Mainz den Auftrag, Bildung, Forschung und Weiterbildung in den Dienst am Menschen zu stellen und so einen Beitrag zu einer sozialen und humanen Gesellschaft zu leisten.

Mit der im Jahr 2011 etablierten Diskussionsreihe „Für eine neue Solidarität?!“ hat forum sociale Mainz e.V. einen Rahmen geschaffen, in dem sich Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Blickwinkeln – Themen und Fachdisziplinen – der Frage nach sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt annehmen.

Wieviel Marktwirtschaft braucht eine soziale Gesellschaft, um große Teile ihrer Bevölkerung nicht (dauerhaft) abzuhängen? Unter dieser Leitfrage stand das Symposium der Hochschulgesellschaft forum sociale am 8. Juni 2016, das in einer fast bis auf den letzten Platz gefüllten Aula an der Saarstraße bereits zum dritten Mal stattfand.

Namhafte Vertreter aus Kirche, Wirtschaft und Wissenschaft hatten sich der Auseinandersetzung gestellt, inwieweit „Wirtschaften für eine uneigennützige Solidarität“ überhaupt möglich ist: Bischof Dr. Stefan Ackermann, als Bischof des Bistums Trier zuständig für die Katholische Hochschule Mainz und Vorsitzender der Deutschen Kommission „Justitia et Pax“, Dr. Bernhard Emunds, Professor für Christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie und Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Instituts, Martin Godemann, Manager Finance der ProCredit Holding in Frankfurt, sowie Joachim Kaffanke, Chefjurist der Kion Group, dem weltweit zweitgrößten Gabelstapler-Hersteller mit Sitz in Wiesbaden. HR-Redakteurin Katrin Röder, selbst Theologin und Alumna der KH Mainz, moderierte die Veranstaltung.

Ziel des Symposiums war es, zunächst den Gedanken des Papstes zu folgen und aufzuzeigen, wie der auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Umgang mit Geld in unserer Gesellschaft zu sozialen Verwerfungen führt. Um in die Gedanken des Papstes einzuführen und die Diskussion zu strukturieren, präsentierten Studierende der KH Mainz thesenartig ihre unter Leitung von Prof. Dr. Eva Schuster geführte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Papst-Papier und gaben der Diskussion der Experten so eine Rahmenstruktur:  

  • Solange ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum zum Vorteil Weniger global an erster Stelle steht, wird es keine gerechte Verteilung geben (These 1).
  • Das Wirtschaftssystem des globalen Kapitalismus läuft einer Ethik zum Nutzen der Menschen zuwider, indem es den Menschen auf ein instrumentalisiertes Konsumgut reduziert und ihn somit unbemerkt seiner Selbstständigkeit, seiner Identität und Solidarität beraubt (These 2).
  • Orientiert an einer längst notwendigen Ethik für den Menschen, lässt sich eine ganzheitliche Ökologie, in der eine gerechte Teilhabe aller möglich ist, nur in einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft verwirklichen (These 3).

Kann Wirtschaftspolitik folglich – analog zur Forderung des Papstes – ausschließlich an Menschenwürde und Gemeinwohl ausgerichtet werden, statt vorrangig auf die autonomen Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes zu vertrauen? Einig waren sich die Diskutanten darin, dass Geld einen instrumentellen, dienenden Charakter haben und nicht als dominierende Maxime wirtschaftliches Handeln bestimmen sollte. Allerdings, auch hier herrschte weitgehende Einigkeit, kann nur derjenige Gutes tun, der auch das nötige Geld dafür erwirtschaftet. So betonte etwa Martin Godemann, dessen Bank Kredite an kleine und mittelständische Unternehmen in Entwicklungsländern vergibt, die Notwendigkeit wirtschaftlichen bzw. profitablen Handelns: Investoren verlangten nun einmal nach gewinnbringenden Anlagen. Dass Afrika unter diesen Voraussetzungen ein nahezu „verlorener“ Kontinent sei, verdeutlichte Martin Godemann im Verlauf der Diskussion an zahlreichen Beispielen aus seinem Geschäftsalltag: Korruption und Cliquenwirtschaft, überbordende bürokratische Auflagen, branchenunübliche Forderungen an die Eigenkapitalsumme der kreditgebenden Bank. Joachim Kaffanke seinerseits berichtete von der schwierigen Verlagerung eines Produktionsstandortes der Kion Group von Schottland nach Südamerika, wo günstiger produziert werden könne. Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit zwinge ein Unternehmen bisweilen zu solchen schmerzhaften Schritten. Umgekehrt profitierten die Menschen am neuen Standort aber davon: So verfügten dort über 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über einen Arbeitslatz und ein gesichertes Familieneinkommen.

Während Bischof Ackermann vor diesem Hintergrund den prophetischen Charakter des Papst-Papiers hervorhob, betonte Bernhard Emunds die aus seiner Sicht durchaus realistische Einschätzung des Papstes eines stetig wachsenden gesellschaftlichen Ungleichgewichts – und zwar global, insbesondere mit Blick auf den südamerikanischen Herkunftskontinent des Papstes, aber auch in Deutschland bzw. Europa. Bei aller Kritik an kapitalistischen Maximen dürfe man jedoch die sozialen Effekte funktionierender Marktwirtschaften der zurückliegenden Jahrzehnte nicht kleinreden, wie etwa eine allgemein steigende Lebenserwartung, sinkende Kindersterblichkeitsraten oder eine bessere medizinische Grundversorgung.

Am Ende bestand darüber Einigkeit, dass nicht alle Menschen von diesen Effekten gleichermaßen profitieren und am weitverbreiteten Wohlstandszuwachs teilhaben. Mit Blick auf Deutschland wurde der Fokus insbesondere auf die sozialen und gesundheitlichen Berufe gerichtet – und damit unmittelbar die Studierenden der KH Mainz angesprochen. Weder das gesellschaftliche Renommee, noch die monetäre Entlohnung entsprächen der gesellschaftlichen Bedeutung der weiter wachsenden Aufgabenstellung. Für die Kirche, betonte Ackermann, bedeute dies in letzter Konsequenz auch, bewussten Verzicht zu üben zugunsten Schwächerer und dabei auch seiner Vorbildfunktion gerecht zu werden.

von Dr. Elke Bruck | Bild: KH Mainz