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Unterwegs im Profisport - Ein Erfahrungsbericht

Akkreditierung von Timo Schall für die AK-Ladies-Open.

Den Traum des einen oder anderen Physiotherapeuten, sein Geld einmal im Profisport mit engagierten und motivierten Patienten zu verdienen, durfte ich mir erfüllen. Mit etwas Glück war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und die KH Mainz trägt einen gewissen Anteil daran. Doch nun von Beginn an:

Im Rahmen seines Studiums (Gesundheit und Pflege) an der Katholischen Hochschule Mainz muss jeder Student ein fachwissenschaftliches Praktikum durchführen. Mein eigentlicher Plan, dieses bei einer Bundesligamannschaft im Bereich Kunstturnen zu absolvieren, ließ sich im Rahmen dieses Pflichtpraktikums leider nicht umsetzen. So habe ich kurz vor Abgabeschluss noch eine Praktikumsstelle gesucht. Wie es der Zufall so wollte, rief einen Tag nach der Absage ein Bekannter an und fragte, ob ich Zeit und Lust hätte, bei einem internationalen Tennisturnier das physiotherapeutische Team zu verstärken. Gesagt, getan und so fand ich mich eine Woche später in Altenkirchen wieder, wo jedes Jahr im Februar die AK-Ladies Open stattfinden. Bis dahin war mir dieses Tennisturnier noch kein Begriff, was sich innerhalb weniger Tage vollständig ändern sollte.

Die AK-Ladies Open lockt Tennisspielerinnen aus der ganzen Welt an, bis hin zur Weltspitze, die in den Top 100 spielen. Durch Behandlungen von Spielerinnen kommt man mit einigen Personen in Kontakt und tauscht sich aus. Daraus entstand dann letztendlich auch ein Angebot einer schweizer Profispielerin, die mich einlud, mit auf Tour zu kommen. Bei so einer Gelegenheit darf man nicht nein sagen. Daher kamen mir die restlichen Semesterferien sehr gelegen und ermöglichten mir, zusammen mit dem Team der Schweizerin, Europa zu bereisen. Die nächsten Wochen, die folgen sollten, waren bis jetzt die erfahrungsreichsten Wochen in meiner noch jungen beruflichen Karriere.

Nach dem Finale der AK Ladies Open und getaner Arbeit fuhr ich nach Hause, um meine Sachen für Paris zu packen. Zusammen planten wir ein Turnier in Frankreich und eins in Katowice (Polen). In Frankreich angekommen, wurde ich erst einmal von herzlichem Regenwetter begrüßt, welches sich die ganze Woche lang nicht veränderte. Daher war der Besuch im Disneyland weniger interessant und ist definitiv nur bei gutem Wetter zu empfehlen. Abgesehen von den privaten Eindrücken, lernte ich neben meiner Arbeit als Physiotherapeut viele Menschen kennen. Schnell merkt man, dass das Profigeschäft im Tennis wie eine große Familie ist. Man kennt sich untereinander und reist gemeinsam von Turnier zu Turnier. Daher kamen mir bereits in Frankreich einige Gesichter sehr bekannt vor. Unter anderem pflegte ich einen sehr guten Kontakt zu dem Ex-Coach von Novak Djokovic und Ana Ivanovic.

Letztendlich sieht ein typischer Turniertag so aus, dass man morgens früh gemeinsam mit dem Team frühstücken geht, im Anschluss auf die Anlage fährt, ggf. trainiert oder sich auf das anstehende Match vorbereitet. Um die Mittagszeit und natürlich spät abends bekommt der Physiotherapeut Zeit, für Regeneration und Behandlung zu sorgen. Selbstverständlich muss man als privater Physiotherapeut jeder Zeit bereit sein und für außerplanmäßige Behandlungen zur Verfügung stehen. Neben ein bis zwei Behandlungen am Tag, zählte es auch zu meinen Aufgaben, das Warmup und Cooldown durchzuführen und zusätzliche Fitnesseinheiten zu leiten.

Nach einer Woche Frankreich mit tollen Bekanntschaften und interessanten Eindrücken ging es dann weiter nach Polen zu einem WTA-Turnier (nach den Grand Slams, die am höchsten dotierten Turniere). Mein erster Aufenthalt war von sehr positiven Erlebnissen geprägt. Untergebracht waren wir in einem der besten Hotels, für Verpflegung wurde den ganzen Tag lang gesorgt und den Verantwortlichen lag es am Herzen, dass es auch den Physiotherapeuten gut geht. Neben einem exklusiven Service, war die Atmosphäre einfach einzigartig. Da ist es dann auch völlig normal, wenn zum Beispiel die Nr. 2 der Weltrangliste mit dir im Players-Restaurant zu Mittag isst.

In Polen lernte ich weitere Spielerinnen kennen. Unter anderem wieder eine Schweizerin, mit der ich mich auf Anhieb gut verstand. Von ihr bekam ich ein weiteres Angebot. Man muss dazu sagen, dass es im Tennis oftmals üblich ist, als Physiotherapeut zwei Spielerinnen zu betreuen. Also ging es für mich von Polen weiter nach Istanbul. Dort wurde ich von angenehmen 30 Grad und einem unglaublichen Hotel begrüßt. Es gibt kaum eine bessere Alternative, dem grauen, kalten und nassen Wetter in Deutschland zu entfliehen. Nach vielen Trainingseinheiten, Matches und Behandlungen ging es dann mit einem dreitägigen Zwischenstopp in der Schweiz weiter nach Mallorca. Die Insel ist die Heimat von vielen Tennisprofis, da die klimatischen Bedingungen optimal für den Ballsport sind und sie wird deshalb oft als Vorbereitung für die French-Open genutzt. Da Mallorca überschaubar groß ist, blieb es nicht aus, mit dem ein oder anderen weiteren Tennisprofi Bekanntschaft zu machen. Ana Ivanovic brachte sogar ihren damaligen Freund und jetzigen Ehemann Sebastian Schweinsteiger mit, der zu dieser Zeit eine Knieverletzung auf der spanischen Insel auskurierte. Es war sehr interessant, solch einen Fußballprofi mal hinter den Kulissen kennen zu lernen. Nach einer weiteren Woche im Süden war ich dann allerdings gezwungen, zurückzukehren. Das neue Semester hatte begonnen ...

Alles in allem war es eine unglaubliche und wertvolle Erfahrung, die mir die Tür ins Profigeschäft geöffnet hat, und von der ich hoffentlich noch weiter profitieren kann. Eine Rückkehr zum Tennis kann ich selbstverständlich nicht ausschließen. Aber jetzt heißt es erst einmal wieder, den Fokus auf das Studium zu legen.


von Timo Schall | Bild: Schall