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"Welcome-Erzählcafé"- Gespräche am Cafétisch über Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach"

Zum Erzählcafé hatten Hebammenstudierende eingeladen, die im Bachelorstudiengang Pflege und Gesundheit in diesem Semester das Modul “Kulturelle Herausforderungen im Hebammenwesen” unter der Leitung von Michaela Michel-Schuldt belegt hatten.

Begonnen hatte alles mit der Überlegung, im besagten Modul, in dem sich die kulturelle Kompetenz der Studierenden weiterentwickeln sollte, eine Verbindung zur Praxis herzustellen. Die theoretische Grundlage war gelegt, doch wie konnten die Studierenden einen Praxisbezug schaffen? Ein niederschwelliges Angebot, das in kurzer Zeit im Rahmen eines Semester-Projektes erstellt werden konnte, war das Ziel.

So entstand die Idee, ein Erzählcafé für geflüchtete Frauen zu gestalten. Aber nicht nur der Austausch untereinander wurde als wertvoll erachtet, auch der Bezug zur lokalen Bevölkerung sollte ermöglicht werden. Nachdem dies feststand, ging alles sehr schnell - insbesondere durch die tatkräftige Unterstützung der Initiatorinnen der Erzählcafe-Aktion, der Hebamme Lisa von Reiche und der Ärztin und Journalistin Dr. med. Stefanie Schmid-Altringer. Auch Cecilia Colloseus, die die Erzählcafe-Aktion wissenschaftlich begleitet hatte, stand uns mit Rat und Tat zur Seite, diskutierte mit uns die mögliche Ausgestaltung und stellte die Idee und die Hintergründe der Erzählcafé-Aktion vor Ort vor.

Von der Stiftung Juvente, die die beiden größten Unterkünfte für Geflüchtete in Mainz betreut, bekamen wir die Zusage, den Gemeinschaftsraum der “Housing Area” in einer der Unterkünfte nutzen zu können. Weiterhin erklärten sie sich bereit, die Kosten für die drei Laien-Übersetzerinnen für Arabisch, Farsi und Türkisch zu übernehmen. Die Stadt Mainz übernahm den Druck der Poster und Flyer. In der “Housing Area” suchten wir vorab Frauen auf, um sie für die Aktion zu gewinnen, sich beim Kuchenbacken zu beteiligen und noch viel wichtiger, für die Veranstaltung “von-Frau-zu-Frau” zu werben. Die Werbung im Stadtteil - innerhalb professioneller Kreise und in Netzwerken der Flüchtlingshilfe und Frauengesundheit - übernahmen wir selbst. Noch am Morgen der Veranstaltung mussten wir uns eingestehen, überhaupt nicht einschätzen zu können, mit wie vielen Frauen wir rechnen könnten…

… und dann kamen sie. Zuerst, pünktlich auf die Minute die Frauen und Mütter aus den Stadtteilen; teilweise mit ihren Kindern, interessierte Frauen, die im Bereich Flüchtlingsversorgung arbeiten, Hebammen und die Übersetzerinnen. Würden wir “unter uns” bleiben? Die Zweifel verflogen, als nach und nach die Frauen, die aus Afghanistan, Armenien, Aserbaidschan, Iran und Syrien geflüchtet waren, eintrafen. Ein konstantes Kommen und Dazugesellen an den einzelnen Tischen, die wir nach den drei Sprachen Arabisch, Farsi und Türkisch aufgeteilt hatten, stellte sich im Verlauf der Veranstaltung ein. An allen Tischen saßen sowohl Frauen aus Deutschland als auch geflüchtete Frauen. Der Buffettisch füllte sich mit Kuchen und Gebäck aus verschiedenen Kulturen, Kaffee und schwarzem “Chai”. Die Kinder spielten gemeinsam in der eigens eingerichteten Kinderecke und teilten die Gummibärchen untereinander auf.

So kamen etwa 40 Frauen zusammen, um sich ihre Geschichten zu erzählen. Die größte Gruppe gesellte sich an den Syrisch-Deutschen Tisch. Die syrischen Frauen berichteten von der medikalisierten Geburtshilfe in ihrem Heimatland. Die Geburt in ärztlich geleiteten Einrichtungen und steigende Kaiserschnittraten seien die Regel. Als eine der deutschen Frauen von ihrer positiven außerklinischen Geburtserfahrung berichtete, traute sich auch eine syrische Frau zu erzählen, dass sie nach ihrer ersten Geburt im Krankenhaus zwei weitere Kinder zu Hause mit Hilfe einer Hebamme geboren hatte - großes Staunen. Die aufsuchende Betreuung nach der Geburt durch Hebammen in Deutschland wurde positiv wahrgenommen. In Syrien gäbe es diese nicht.

Frauen kamen zu Wort, die traumatisierende Erfahrungen teilten: Erlebnisse einer Frau, die von ihrer Fehlgeburt während eines Bombardements in Damaskus berichtete. Eine weitere erzählte von der Geburt ihres fünften Kindes auf der Flucht durch die Türkei. In der Gruppe der Frauen aus Afghanistan und dem Iran erzählten Frauen zwar auch über Geburten und das Leben als Mutter in der Fremde, jedoch stand der Wunsch nach gesundheitlicher Beratung und Behandlung zu Themen wie Verhütung, Schmerzen im Unterleib und Blutungen in der Schwangerschaft im Vordergrund. Wir vermittelten die Fragenden an Beratungsstellen und Ärztinnen. Dies zeigte jedoch auch Barrieren in der Gesundheitsversorgung dieser Frauen auf.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es erstaunlich war, wie offen alle Mütter über ihr Geburtserleben erzählten und wie interessiert alle anderen Frauen der jeweils Erzählenden zuhörten. Würde man diesem Projekt mehr Zeit und Raum geben, könnte dadurch vieles ausgesprochen und dadurch vielleicht aufgearbeitet werden. Frauen könnten einander helfen und Freundschaften geschlossen werden, die auf anderem Wege vielleicht nicht zustande kämen. Darüber hinaus hatten wir den Eindruck, dass auch Beratungssituationen bei geflüchteten Frauen im Kontext einer Gruppe möglicherweise effektiver sein könnten, da die Frauen sich dort mit dem Rückhalt anderer Frauen leichter öffnen, um über ihre Erlebnisse, Fragen und Probleme zu sprechen. Am Ende wurde der Wunsch ersichtlich, sich über das Erzählcafé hinaus auszutauschen. Ein Frauentreffen zweimal im Monat am gleichen Ort wurde beschlossen und bereits in die Wege geleitet. Eine Musikerin aus Aserbaidschan hat seit dem Welcome-Erzählcafe endlich wieder regelmäßig Zugang zu einem Klavier.

Weitere Informationen zur Erzählcafé-Aktion finden Sie auf www.erzaehlcafe.net 

von Marie Bösen, Eva Maria Hudalla, Natascha Kienel, Michaela Michel-Schuldt, Annika Schröder, Helene Schwarz, Hannah Siebert | Bild: KH Mainz