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Begegnungen mit Palästina – Begegnungen in Bethlehem

Begegnung mit Daoud Nasser.

Es ist stürmisch und regnet, als wir uns am 3.12.16 morgens um 8.00 Uhr in Jerusalem auf den Weg machen. Ziel Bethlehem – Begegnung mit christlichen Palästinensern und mit Studierenden der University of Bethlehem warten auf uns.

Im Mitri Raheb Gemeindezentrum treffen wir Daoud (David) Nasser – Leiter von Tent of Nations. Als Christ gehört er zu einer Minderheit (2 Prozent) unter den Palästinensern. Seine Familie besitzt, verbrieft seit 1916, Dahers Weinberg. Mittlerweile ist der Hügel der einzige unter palästinensischer Kontrolle inmitten von jüdischen Siedlungen. Seit 25 Jahren kämpft die Familie vor israelischen Gerichten immer wieder um die Anerkennung ihrer Rechte. Daoud erzählt von den alltäglichen Herausforderungen. Dazu gehören neben den Erfahrungen von Gewalt - wenn z.B. jüdische Siedler Olivenbäume zerstören oder israelisches Militär eine Aprikosenplantage kurz vor der Ernte dem Erdboden gleich macht - Restriktionen, die die Versorgung mit Wasser- und Stromleitungen verhindern. Herausfordernd ist aber auch das Gefühl tiefer Frustration und immer wieder ein „Mangel an Kreativität“, wie Daoud es ausdrückt.

Die klassischen Reaktionen auf diese Situation sind: Gewalt, Klagen, Jammern, sich als Opfer fühlen, das Land verlassen,…
Kernanliegen und Motto seines Engagements ist: Wir sind immer noch da. Wir weigern uns Feinde zu sein. Sie können uns nicht zwingen zu hassen, wir sind von Jesus aufgerufen, die Menschen zu lieben. Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen, wenn er kommt und kontrollieren will, trink mit ihm eine Tasse Tee. Handele nicht so, wie dein Feind erwartet, dass du handelst. Handle als Mensch.

Daoud macht keinen Hehl daraus, dass die Situation immer wieder schwer ist. Seine Kraft bezieht er, wie alle, die in dem Projekt engagiert sind, immer wieder daraus, sich nicht auf die Probleme zu fokussieren, sondern sich mit der inneren Kraft zu verbinden, die aus der Liebe Gottes kommt. Unterstützt von Volunteers aus aller Welt und gesponsert auch von jüdischen Solidaritätsgruppen z.B. aus England und Amerika ist mit dem Tent of Nations ein Ort entstanden, an dem insbesondere junge Menschen inmitten ihres schwierigen Alltags Gegenerfahrungen machen können, ihre individuelle Kreativität, ihre Begabungen und ihre Hoffnungskraft entdecken und entfalten lernen.

Ortswechsel: an der Catholic Bethlehem University (BU), 1973 von den De La Salle Brüdern gegründet, sind heute in 21 Bachelor- und 4 Masterstudiengängen ca. 3.500 junge Menschen vorwiegend aus Bethlehem und Jerusalem eingeschrieben. Alle Studiengänge wollen auf hohem akademischen Niveau Berufsperspektiven vor Ort in Israel/Palästina eröffnen.
Für eineinhalb Stunden haben wir die Chance zum Austausch mit einigen Studierenden aus Bethlehem, Beit Jala, und Jerusalem. Wir erhalten einen Eindruck von den Lebens- und Lernbedingungen unter Besatzungsumständen, von dem Ringen um Perspektiven und Hoffnung, von den Sorgen und Ängsten angesichts alltäglicher Widrigkeiten.
Der Austausch hat Spuren hinterlassen, unsere Bilder vom „Palästinenser“ haben sich lebendig verändert und wir fahren mit der Ermutigung, den eigenen Alltag kreativ und geduldig anzugehen.

von Annette Klose | Bild: Walter