Schriftgröße A A A

© Reinhard

Wie kann man die erlernten und ausgeübten Berufe, Kfz-Mechaniker, Fachangestellter für Bäderbetriebe, LKW-Fahrer und Dipl. Sozialarbeiter verbinden? Eine Antwort hierauf gibt Andreas Reinhard. Er studierte von 1996 bis 1999 an der Katholischen Hochschule Soziale Arbeit. Herr Reinhard ist heute Einrichtungsleiter des Evangelischen Jugendhofs Martin Luther King in Traben-Trabach.

Sie hatten vor Ihrem Studium bereits zwei Ausbildungen absolviert. Was hat Sie dazu bewogen, das Studium der Sozialen Arbeit aufzunehmen?
Ja, das ist richtig. Vor meinem Studium habe ich bereits zwei Berufsausbildungen abgeschlossen. Kfz-Mechaniker und Fachangestellter für Bäderbetriebe. Auf das Studium kam ich aufgrund meines ehrenamtlichen Engagements. Ich war sowohl im DLRG (deutsche Lebensrettungsgesellschaft) in der Jugendarbeit als auch in der Kirchengemeinde und im Kirchenkreis in der Jugendarbeit engagiert. Ich habe also schon immer gerne mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Letzter Tropfen auf den Stein war mein Zivildienst. Den habe ich im Evangelischen Jugendhof Martin Luther King in Traben-Trarbach/Wolf in einer Wohngruppe geleistet.

Welche Eindrücke aus Ihrer Studienzeit haben Sie heute noch ganz besonders in Erinnerung?
Ich habe das Studium genossen. Zum Glück an einer Hochschule, deren Ruf ein „verschulter“ war. Das half sicherlich auch genug zu tun für das Studium, gleichzeitig aber auch das Leben als Student zu genießen. Ich habe es genossen und gleichzeitig meinen anderen Interessen gefrönt. Nicht nur im Sinne von Freizeit. Ich wollte z.B. schon immer mal einen großen schweren LKW fahren. So habe ich den LKW Führerschein gemacht, den Gefahrgutschein und habe dann einen 40t Sattelzug gefahren, um mein Studium zu finanzieren. Also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Damit sind meine Erinnerungen an das Studium nicht ausschließlich auf das Lernen reduziert. Ansonsten war ich froh um ein vergleichsweise verschultes Hochschulsystem und habe alle meine Vorlesungen – soweit ich nicht durch meine LKW Fahrerei nachts der Müdigkeit erlegen war – sehr genossen. Sicherlich war ich hier eher einer der „stilleren“ Studenten.

Hatten Sie im Laufe des Studiums mal darüber nachgedacht abzubrechen bzw. alles hinzuschmeißen?
Diese Frage kenne ich schon aus meinen zwei Ausbildungen. Zum Glück ist es mir schon immer recht gut gelungen, neben den Schattenseiten, die diese Frage vielleicht auch hochspülen, auch die Sonnenseiten zu sehen. Ich habe mich grundsätzlich noch immer für alles was ich gemacht habe, interessiert. Damals bis heute also Autos, handwerkeln, schwimmen und die Soziale Arbeit. Es war nie leicht! Aber das Interesse, meine Eltern oder Freunde und mein Zutrauen zu mir selbst vielleicht auch haben mir geholfen, weiterzumachen!

Heute sind Sie Einrichtungsleiter einer großen Kinder- und Jugendeinrichtung tätig. Was sind dabei Ihre zentralen Aufgaben?
Ja, das ist richtig. Ich trage derzeit Verantwortung für fast 750 Menschen. Ca. 330 Mitarbeitende, 255 Kinder und Jugendliche, die bei uns leben, für ca. 100 Kindergartenplätze und ca. 60 Hilfen für Familien, die durch unser ambulantes Team unterstützt werden. Was tue ich da? Ich sorge als Leitung zweier Jugendhilfeeinrichtungen mit Leidenschaft für gute Rahmenbedingungen. So waren wir vor einigen Jahren sehr stark engagiert, um auf Bundesebene traumapädagogische Standards in stationären Erziehungshilfeeinrichtungen zu entwickeln. Diese habe ich letztlich in unsere Strukturen implementiert, mit Kostenträgern die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen verhandelt usw. Weiterhin gehören die Entwicklung einer Führungskultur und Personalentwicklung zu meinen Aufgabenstellungen. Last but not least sind wirtschaftliche Zusammenhänge zu sehen und gemessen an den fachlichen Möglichkeiten auszurichten bzw. zu steuern. Bei alledem heißt es für mich und für uns alle in meinen beiden großen, dezentral organisierten Einrichtungen (ca. 30 Standorte) „Nächstenliebe leben“ bei meinem diakonischen Arbeitgeber Rheinische Gesellschaft für Innere Mission und Hilfswerk in meiner täglichen Arbeit erkennbar werden zu lassen. Ich möchte, dass man meine Entscheidungen nachvollziehen kann, dass man sie mit Blick auf unsere Wertesysteme nachvollziehen kann. Und letztlich bin ich viel in den Einrichtungen unterwegs: Wir haben zahlreiche beteiligungsorientierte Gremien für Mitarbeitende. Ich verbringe bei weitem nicht so viel Zeit an meinem Schreibtisch, wie die meisten denken. Sagen wir es mal anders: Meine Aufgabe ist dafür Sorge zu tragen, dass es allen gut geht und sie gerne ihre Arbeit erfolgreich tun.

Was ist die größte Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit?
Meine Geduld und meine Hoffnung! Zum einen entspreche ich eher einem lebendigen Wesen. Ich habe immer Ideen und Energie. In meiner Verantwortung stehe ich mir daher potentiell im Wege. Weil ich muss Menschen vertrauen und ihnen viel zutrauen können. Wenn ich konkrete Ideen nicht auch bei meinen Mitarbeitenden entstehen lasse, wäre ich sozusagen übergriffig. Bei der Frage nach Entwicklungen steuere ich meine Ideen anders. Hier braucht es oft Zeit, bis Menschen verstehen und danach handeln. Das braucht dann meine Geduld, in der ich mich üben darf. Zum Glück habe ich viel Zuversicht und Hoffnung und darf den vielen Mitarbeitenden viel Zutrauen. Ich habe schließlich großartige und engagierte Mitarbeitende; ohne die wäre ich echt aufgeschmissen!- Irgendwie verquer die Antwort,oder? Vielleicht weglassen?

Und was ist die schönste Seite Ihres Berufs?
Ich darf meinen christlichen Glauben in meine Arbeit einfließen lassen. Meine Arbeit wird nicht nur von meinen fachlichen und betriebswirtschaftlichen Standards geprägt. Mein (diakonischer) Arbeitgeber erwartet schließlich von mir, dass ich bei allem auch eine christlich-ethische Haltung berücksichtige. Das ist ein unglaubliches Privileg. Zudem erlebe ich aufgrund der Personalverantwortung viele Einzelfälle. Schicksale in den Reihen der Mitarbeitenden ebenso wie herausragend schöne Momente der Begegnungen und des miteinander und voneinander Lernens. Ich bin ja nicht besser wie meine Mitarbeitende. Ganz im Gegenteil: In dem was sie tun, sind sie die Profis. Mein Privileg ist es, entlang der Erfahrung der Mitarbeitenden und dem was die Fachöffentlichkeit uns als Entwicklungsaufgabe bereithält, die Einrichtungen begleiten zu dürfen.

Zudem sind Sie nebenberuflich Selbständig tätig, als….?
Ja, ich habe noch eine Nebentätigkeit angemeldet. Allerdings komme ich da leider nicht so oft dazu. Ich habe eine Zeit lang Wirtschaftsunternehmen unterstützt in Fragen der Personal- und Organisationsentwicklung. Dies insbesondere sehr handlungsorientiert. Ich habe z.B. Erlebnisse produziert/provoziert, die dem beruflichen Alltag bzw. den daraus resultierenden Entwicklungsfragestellungen Rechnung getragen haben. So habe ich ein Auto umgebaut, das man z.B. zu viert steuert. Der Fahrer lenkt, die Beifahrerin bremst, der Hintermann des Fahrers hat das Kupplungspedal und die Hinterfrau rechts das Gaspedal. So müssen sich allesamt gut aufeinander abstimmen – also kommunizieren, sonst kracht es im Getriebe, man kommt nicht voran, weil jemand dauernd auf der Bremse steht oder ist zu schnell unterwegs. Im Übrigen alles auch schöne Metaphern, um verschiedenste Entwicklungen in Unternehmen „erfahrbar“ zu machen.

Welche Themen sind Ihnen in der Sozialen Arbeit besonders wichtig?
Wenn ich mir die Tagesschau ansehe, oder auf einem Youtube-Kanal Nachrichten aus der Welt und aus Deutschland ansehe, liegen die Themen auf der Hand: Wir sind ein tolles Land und wir haben ein tolles Wertesystem zu vertreten. Wir haben die Zukunft in der Hand. Die Würde des Menschen ist unantastbar! Damit meine ich nicht nur die politische Bühne, sondern auch wie wir mit den vielen Hilfeempfängern in unserer Arbeit umgehen. Kinder, Jugendliche und ihre Familienangehörigen. Wie lassen wir sie spüren, dass die Würde des Menschen unantastbar ist? Wie fühlt es sich für Eltern an, wenn ihre Kinder Inobhut genommen werden müssen oder wie fühlt es sich an, wenn Eltern aus Verzweiflung auf das Jugendamt zugehen und Hilfen zur Erziehung beantragen? In welcher Haltung möchten wir den Menschen begegnen? Im Beruf wie auch Privat!

Ihre Studienzeit liegt nun schon einige Jahre zurück und Sie konnten viele Erfahrungen im Berufsleben sammeln. Welche Aspekte Ihres Studiums waren für ihren Berufsweg rückblickend besonders hilfreich?
Die Freiheit, entlang meiner Interessen Schwerpunkte setzen zu können und dennoch eine allgemein hochwertige Ausbildung zu genießen. Inhaltlich betrachtet erinnere ich mich an Methoden der Sozialen Arbeit bei Frau Schuster, denen ich damals nicht die Beachtung geschenkt habe, die die Arbeit mit hilfesuchenden Menschen heute dringend braucht. Wir sind in der Erziehungshilfe auf hochqualifizierte Fachkräfte angewiesen. Auf Fachkräfte, die eine sozialpädagogische Diagnostik können, die wissen, was eine Netzwerk- und was eine Ressourcenkarte ist. Fachkräfte, die mit Genogrammen arbeiten können und um die Bedeutung der Biographie-Arbeit in den jeweiligen Hilfen wissen. Selbstverständlich gepaart mit der wertschätzenden und fehlerfreundlichen Haltung bei aller Klarheit und Beharrlichkeit im Alltag der Heimerziehung.

Welche Erkenntnis aus Ihrer Studienzeit hat Sie nachhaltig geprägt?
Es geschafft zu haben. Entlang der vielen und unterschiedlichen Anforderungen den Mut und das Zutrauen nicht verloren zu haben. Sie müssen wissen: Ich habe eigentlich ja nur einen Hauptschulabschluss und hatte damals Sorge, den Müll anderer Menschen wegmachen zu müssen. Später erst begriff ich, dass selbst diese Tätigkeit eine besonders ehrenwerte und unter Umständen gut bezahlte sein kann. Letztlich jedoch, die sich gesetzten Ziele erreicht zu haben, hat mir Zutrauen geschenkt. Mein Studium ist da ein wesentlicher Meilenstein. Es lohnt sich meines Erachtens.

Welche Erwartungen haben Sie heute an Absolventen/-innen der Sozialen Arbeit, die ins Berufsleben starten?
Kurz und knapp: Dass sie die Verantwortung für sich erkennen, diese ernst nehmen und danach handeln.

Welchen Rat würden Sie den heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?
Es braucht nicht zwingend geradlinige Berufsverläufe! Entdecken Sie sich und gehen Sie ihrer Neugier nach. Nutzen Sie die angebotenen Möglichkeiten des Lebens genauso wie die des Lernens. Ich erlebe junge Menschen, die wollen schon während der Ausbildung gleich viel Arbeiten und ich denke dann an mein Studium: War das eine schöne Zeit! Wir haben studiert, gelebt und gearbeitet. Aus meiner Erinnerung jedoch nicht mit dem Druck, am besten gestern schon damit fertig zu sein. Das fordert die Überforderung heraus.

Und zum Abschluss des Gesprächs noch ein Frage: Welchen Rat würden Sie der KH mit auf den Weg geben?
Die KH habe ich hoch im Kurs gespeichert. Ich wünsche mir und der KH weiterhin gute und solide Ausbildungs- bzw. Studienbedingungen. Die Vorbereitung angehender Fachkräfte ist aus meiner Sicht heute genauso wichtig wie damals. Vielleicht hat sie an Bedeutung sogar zugenommen. Da wünsche ich mir ein weiterhin so hohes Verantwortungsgefühl dafür, wie ich es damals wahrgenommen habe.

Das Interview mit Andreas Reinhard führte Andrea Hassemer - Praxisreferat Soziale Arbeit