Schreibtisch mit Laptop und Aktenordner.

Auf einen Blick

  • Projektleitung:
    Prof.in Dr. Brigitte Anderl-Doliwa, Katholische Hochschule Mainz
    Prof.in Dr. Margret Dörr, Katholische Hochschule Mainz
  • Projektkoordination:
    Prof. Dr. Michael May, Hochschule RheinMain Wiesbaden
    Prof.in Claudia Maria Aymar, Hochschule RheinMain Wiesbaden
  • Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung
  • Laufzeit: 2019-2023

Video- und theatergestützte Soziale Innovationen im Bereich recoveryförderlicher Arbeitsbündnisse in der (Gemeinde-)Psychiatrie

Hintergrund

Die Recovery-Selbsthilfebewegung von Psychiatrieerfahrenen hat die provozierende Hypothese formuliert, dass die Diagnose einer chronischen psychischen Erkrankung zu einem großen Teil misslingenden Interaktionen zwischen Professionellen und den so Diagnostizierten geschuldet ist. Dies korrespondiert mit wissenschaftlichen Studien, die zeigen, dass die in stereotypen Reaktionsweisen und alltäglichen Reinszenierungen artikulierten biographischen Verwundungen, wie sie gerade für die Gruppe beobachtet werden, denen schwere Persönlichkeitsstörungen zugeschrieben werden, häufig keine angemessene Antwort seitens der Professionellen finden. Auffallend ist in diesem Zusammenhang zudem die Beobachtung, dass auch in Untersuchungsbefunden aus dem psychiatrisch-klinischen Bereich – insbesondere bei Menschen mit sogenannten schizophrenen Erkrankungen – häufig gravierende Störungen vor allem im Bereich nonverbaler Kommunikation und Affektabstimmung diagnostiziert werden. Obwohl eine zielgerichtete vertrauensvolle Beziehung gleichermaßen bedeutsam für beide Parteien zu sein scheint, erfährt sie deutliche Einschränkungen. Dies hängt nicht nur mit mangelnden zeitlichen Ressourcen zusammen, sondern auch mit einer negativen wechselseitigen Wahrnehmung auf persönlicher Ebene.

Zielsetzung

Das Projektvorhaben, das zusammen mit der HS RheinMain durchgeführt wird, hat sich zum Ziel gesetzt, eine Verbesserung der Verständigung zwischen Professionellen in (gemeinde-) psychiatrischen Arbeitsfeldern und psychiatrieerfahrenen Menschen zu erreichen. Wesentlich ist hierbei eine reflexiv dialogische Ausrichtung neu zu erprobender Methoden und Verfahren zur Wahrnehmung und Aufarbeitung misslingender Interaktionen und Kultivierung gelingender Interaktionsformen zwischen Professionellen und den Nutzenden ihrer Angebote, die beide Seiten mit einbindet. Über den Einsatz bei den Kooperationspartnern hinaus sollen die Instrumente für Studium und Weiterbildung fruchtbar gemacht werden.

Methoden

Zu Beginn des Projekts werden die Nutzenden der Einrichtung(en) der Kooperationspartner in einem Workshop über das Forschungsinteresse von VISION-RA informiert und die Fachkräfte in den jeweiligen Institutionen mittels einer Fortbildung in das Verfahren des „Szenischen Verstehens“ eingeführt. Ausgangspunkt dieser tiefenhermeneutischen Methode ist, dass Menschen Sachverhalte und Erleben, über die sie aus unterschiedlichen Gründen nicht sprechen (können), in alltäglichem Handeln in Szene setzen, und darüber bildhaft (unbewusst) zur Darstellung bringen. Beim Szenischen Verstehen geht es darum, über das logische Verstehen von Sachverhalten oder eines (gesprochenen) Textes und das psychologische Verstehen der emotionalen Verfasstheit eines Gegenübers (Einfühlung) hinaus auch die in den Szenen verborgenen (unbewussten bzw. latenten) Inhalte besser zu begreifen (szenisches/tiefenhermeneutisches Verstehen). Dieses szenische Verstehen ist aber nicht von außen möglich, sondern setzt ein emotionales Sich-Einlassen der Professionellen auf die gemeinsam hergestellten Interaktionen (Szenen) voraus. Nachdem mit der Methode „fokussierter Ethnographie“ solche gemeinsamen Abstimmungsprozesse zwischen Professionellen und Psychiatrieerfahrenen teilnehmend beobachtet und protokolliert wurden, sollen diese Protokolle an die Protagonisten rückgekoppelt werden und in einem dialogischen Prozess, mittels Techniken der Theaterarbeit, gemeinsam ausgewertet werden. Auf diese Weise können im Ergebnis wichtige Hinweise auf ein unterschiedliches emotionales Erleben gewonnen werden. Nach einer Gewöhnungsphase und wenn sich eine hinreichende Vertrauensbeziehung der Beteiligten zu den Forschenden entwickelt hat, sollen diese Prozesse mit Zustimmung aller Beteiligten gefilmt und gemeinsam im Rahmen eines selbstreflexiven dialogischen Prozesses ausgewertet werden.