Zu sehen ist der Haupteingang der Katholischen Hochschule Mainz. Das Gebäude ist rot. Im Vordergrund steht ein blühender Kirschbaum.

„Darüber reden kann Leben retten.“

Weiterbildung

Prof. Dr. Jan Lohl, Leiter des Instituts für Fort- und Weiterbildung, hat die Referentinnen Lydia Weyerhäuser und Mercedes Lißmann zum Thema Suizidprävention in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit interviewt.

Im Juni fand am Institut für Fort- und Weiterbildung (ifw) der Katholischen Hochschule Mainz eine zweitägige Fortbildung zum Thema Suizidprävention statt. Das Angebot stieß auf große Resonanz. Institutsleiter Prof. Dr. Jan Lohl sprach mit der Referentin Lydia Weyerhäuser und der Co-Referentin Mercedes Lißmann über die Herausforderungen und Möglichkeiten professioneller Suizidprävention.

Es scheint eine große Unsicherheit beim Thema Suizidalität zu geben. Was trägt aus Ihrer Perspektive zu dieser Verunsicherung bei?

Lydia Weyerhäuser: Jeder Mensch hat Themen, die ihm Angst machen. Der Tod ist häufig eines davon. Suizid und die Äußerung von Suizidabsichten gehören zu diesem Themenkomplex. Verbunden mit Schuld- und Schamgefühlen entsteht eine emotional belastende Situation, der viele Menschen verständlicherweise ausweichen. Langfristig führt dies jedoch dazu, dass Betroffene oft allein bleiben.

Mercedes Lißmann: Die Unsicherheit entsteht vor allem durch die emotionale Schwere des Themas. Zudem ist Suizidalität weiterhin stark tabuisiert, was offene Gespräche erschwert – auch unter Fachkräften der Sozialen Arbeit. Hinzu kommen Fragen zu rechtlichen Rahmenbedingungen: Wann muss ich handeln? Welche Verantwortung trage ich? Und welche Konsequenzen kann Untätigkeit haben?

Tatsächlich berichten fast alle Fachkräfte davon, dass sie mit Suizidabsichten ihrer Klient*innen konfrontiert waren. Welche Facetten professioneller Suizidprävention sind Ihnen besonders wichtig?

Lydia Weyerhäuser: Unbedingt erforderlich ist ein breites Wissen zu diesem Themenfeld. Dafür braucht es regelmäßige Schulungen innerhalb der Institutionen. Gleichzeitig sollten Einrichtungen verbindliche Krisen- und Ablaufpläne entwickeln, die regeln, wie Fachkräfte bei Suizidankündigungen oder nach einem Suizid vorgehen können. Was bei Kindeswohlgefährdung oder im Brandschutz selbstverständlich ist, sollte auch im Umgang mit suizidalen Krisen gelten.

Mercedes Lißmann: Ebenso wichtig sind klare Handlungsleitfäden, feste Ansprechpartner*innen und ein offener Umgang mit dem Thema. Fachkräfte sollten keine Angst davor haben, Suizidalität anzusprechen. Offene Gespräche sind ein zentraler Bestandteil wirksamer Präventionsarbeit.

Wenn Sie an Ihre berufliche Tätigkeit als Fortbildnerin zurückdenken, welche Situationen, Veränderungen oder Entwicklungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Lydia Weyerhäuser: Besonders positiv werden Rollenspiele bewertet, in denen Krisengespräche geübt werden – auch wenn anfangs gelegentlich Vorbehalte bestehen. Sie ermöglichen es den Teilnehmenden, Handlungssicherheit zu gewinnen und schwierige Gesprächssituationen praxisnah zu erproben. Als besonders wertvoll wird zudem die gemeinsame Reflexion eigener Fallbeispiele erlebt.

Mercedes Lißmann: Viele Teilnehmende berichten, dass sie im Verlauf solcher Fortbildungen deutlich mehr Sicherheit entwickeln. Sie erleben es als entlastend, über Suizidalität offen sprechen zu können und ermutigt zu werden, schwierige Themen direkt anzusprechen. Beeindruckend ist immer wieder die Entwicklung der Teilnehmenden: Aus anfänglicher Verunsicherung entsteht häufig ein deutlich gestärktes Sicherheitsgefühl im Umgang mit suizidalen Krisen. Besonders geschätzt werden dabei praxisnahe, verständnisvolle und wertschätzende Lernsettings.

Haben Sie einen Wunsch zum institutionellen Umgang mit dem Thema Suizidprävention?

Lydia Weyerhäuser: Ich wünsche mir eine klare Haltung von Führungskräften, die das Thema aktiv aufgreifen, ihre Mitarbeitenden unterstützen und Suizidprävention regelmäßig in die Teams tragen. Eine offene Gesprächskultur beginnt dabei bei den Verantwortlichen selbst. Gleichzeitig liegt es in der Verantwortung der Institutionen, das Thema durch kontinuierliche Schulungsangebote präsent zu halten. Einmalige Angebote reichen nicht aus – nachhaltige Prävention braucht Kontinuität. Nach dem Motto: „Darüber reden kann Leben retten.“

Mercedes Lißmann: Würde Suizidprävention dauerhaft als regelmäßiges Angebot etabliert, wäre das ein großer Erfolg. Der Aufklärungsbedarf ist weiterhin hoch. Viele Menschen berichten bereits zu Beginn entsprechender Veranstaltungen von persönlichen oder beruflichen Berührungspunkten mit Suizid. Umso wichtiger sind Angebote, die Wissen vermitteln, Handlungssicherheit stärken und Raum für Austausch schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch. Ich freue mich, dass Sie für uns auch im kommenden Jahr eine Fortbildung zum Thema Suizidprävention anbieten. 

Zu den Referentinnen: 

Lydia Weyerhäuser: Dipl.-Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin (DGSF), Gestalttherapeutin (FPI/EAG), Traumatherapeutin (Huber, Nijenhuis), Senior-/Lehrcoach (DCV), eigene Praxis in Mainz.

Mercedes Lißmann: Initiatorin einer Selbsthilfegruppe und Betroffene durch Suizid eines Angehörigen berichtet in der Fortbildung von ihren Erfahrungen