Eine alte Dame und eine Advanced Practice Nurse des FAMOUS-Projekts sitzen an einem Wohnzimmertisch und besprechen die Medikamenteneinnahme der Patientin.

Projektdokumentation

Mit mehr Verantwortung, Kompetenz und Kooperation zu einer neuen Rolle der Pflege

FAMOUS // Gesundheit und Pflege

Prof.in Dr. Renate Stemmer hat mit dem Forschungsprojekt FAMOUS die Rolle von Advanced Practice Nurses (APNs) in der ambulanten Gesundheitsversorgung untersucht.

Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Anerkennung der pflegerischen Kompetenz und Leistung sowie mehr politisches und individuelles Standing in Bezug auf die eigene Rolle innerhalb des Gesundheitssystems – diese drei Punkte nennt Prof.in Dr. Renate Stemmer, fragt man sie nach ihren Wünschen für die Zukunft der Pflege.

In den rund 25 Jahren als Professorin für Pflegewissenschaft und Pflegemanagement an der KH Mainz hat sie in Lehre und Forschung die Weiterentwicklung der Pflege mitgestaltet. Insbesondere beschäftigte sich Renate Stemmer in ihrer Forschung mit der Rolle und dem Berufsbild der Advanced Practice Nurse (APN), zuletzt unter anderem innerhalb des Forschungsprojektes FAMOUS. „Die Ausbildung und der Einsatz von Advanced Practice Nurses – also akademisch ausgebildeten Pflegefachpersonen auf Masterniveau – wird in Deutschland schon seit über 10 Jahren breiter diskutiert. Mit unserer Forschung im Rahmen des Projekts FAMOUS haben wir bundesweit erstmals den Einsatz von APNs in Hausarztpraxen erprobt, evaluiert und damit eine empirische Datengrundlage für die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung geliefert“, erklärt Renate Stemmer. Neun APNs waren innerhalb des Projektes in rheinland-pfälzischen Hausarztpraxen im Einsatz und betreuten über 12 Monate rund 870 Patient*innen. 

„Die beteiligten Praxen haben schnell gemerkt, dass die APNs auf einem hohen Level arbeiten und sowohl zeitlich wie mental eine wirkliche Entlastung für die Ärzt*innen bedeuten – insbesondere in Bezug auf die Versorgung von Patient*innen mit komplexen Versorgungsbedarfen“, berichtet Renate Stemmer. Die Stärke der APNs liege darin, die medizinische Krankheitsversorgung mit dem Alltag der Patient*innen zu verbinden, ihre Lebenssituation in der Breite zu erfassen und zu berücksichtigen. „Für die Akzeptanz gesundheitsrelevanter Maßnahmen spielt es eine große Rolle, wenn Patient*innen die Erfahrung machen, dass da jemand ist, der mit ihnen zusammen plant wie verschiedene Hilfs- oder Versorgungsangebote ineinandergreifen und möglichst passend umgesetzt werden können.“

Breitere Kompetenzen, mehr Verantwortung und Teamarbeit

Das Berufsbild der APN kennzeichne insbesondere eine selbständige und eigenverantwortliche Arbeitsweise sowie die Erweiterung der Kompetenzen, Befugnisse und Aufgaben von Pflegefachpersonen. Innerhalb des Forschungsprojektes FAMOUS wurde unter anderem untersucht, inwieweit diese erweiterte Pflegepraxis eine adäquate ambulante Gesundheitsversorgung leisten kann. „Die APNs gaben beispielsweise Empfehlungen zu verordnungspflichtigen Maßnahmen, wie die Anpassung von Medikationen, die Anwendung eines neuen Medikaments oder die Verordnung von Heil-und Hilfsmitteln. Diese Empfehlungen wurden zu 95 Prozent von den behandelnden Ärzt*innen vollständig angenommen. Ein Ergebnis, das zum einen die hohe Fachkompetenz der APNs unterstreicht und zugleich darauf hinweist, dass die Einbindung erweiterter pflegefachlicher Kompetenz die Versorgung bedarfsgerechter macht“, erläutert Renate Stemmer. Dabei gehe es immer auch um eine neue Art der Zusammenarbeit im Team innerhalb der hausärztlichen Praxis. „Es war sehr erfreulich zu sehen, dass die Zusammenarbeit mit allen Berufsgruppen innerhalb des Projekts FAMOUS sehr gut funktioniert hat. Die gegenseitige Akzeptanz war da, so dass Kompetenzgerangel tatsächlich kein Thema war.“ Die APNs seien von allen Beteiligten sehr gut angenommen worden und über diese Art des Arbeitens zugleich selbst sehr froh gewesen, resümiert Renate Stemmer.

Bedeutung von Hochschulen und Akademisierung

In der Forschung und Lehre sieht Renate Stemmer eine wesentliche Basis für die weitere Etablierung von APNs im Gesundheitssystem. „Forschung liefert uns entscheidende Daten, um zum Beispiel die Machbarkeit und Qualität von neuen Versorgungsmodellen beurteilen zu können. In der Lehre müssen wir durch APN-Studiengänge die Qualifikation schaffen, die es für diese Aufgabe braucht“, unterstreicht Renate Stemmer. Neben vertieften klinischen Kompetenzen oder pharmakologischen Kenntnissen gehe es auch um die Erweiterung des Verständnisses der APN-Rolle und wissenschaftlicher Fähigkeiten. Wesentlich sei an dieser Stelle auch eine entsprechende Gesetzgebung, die den Rahmen für die Qualifizierung und die leistungsrechtliche Verortung von APNs schaffe.

Ist der Einsatz von APNs nun ein Schlüssel, um die Wünsche für die Zukunft der Pflege Wirklichkeit werden zu lassen? „Die hausärztlichen Praxen und das gesamte Gesundheitssystem stehen unter enormen Druck. Die Ausweitung der Kompetenzen der Pflege und eine deutlich eigenständigere Rolle, in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen, ist in vielen Ländern heute schon Realität und wird meines Erachtens auch in Deutschland dazu führen, dass sich der Pflegeberuf im von mir genannten Sinne weiterentwickelt. Dies gilt grundsätzlich und über die Frage des Einsatzes von APNs in der Hausarztpraxis hinaus. FAMOUS hat beispielhaft gezeigt, dass und wie es funktionieren kann – immer mit dem Ziel einer möglichst optimalen Versorgung der Patient*innen“, betont Renate Stemmer. 

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