Zu sehen ist der Haupteingang der Katholischen Hochschule Mainz. Das Gebäude ist rot. Im Vordergrund steht ein blühender Kirschbaum.

"Die Steuerung komplexer Unterstützungsbedarfe ist erforderlicher denn je."

Weiterbildung

Nach 23 Jahren hat Professorin Ruth Remmel-Faßbender ihre Mitarbeit in der Case Management Weiterbildung beendet und blickt im Interview auf Anfänge, Entwicklungen und Herausforderungen.

Seit 2002 hat Professorin Ruth Remmel-Faßbender in 23 Case Management (CM) Langzeitweiterbildungen des Instituts für Fort- und Weiterbildung (ifw) der KH Mainz als Trainerin, Supervisorin und Ausbildungsleiterin mitgearbeitet. Insbesondere in der Funktion der Ausbildungsleitung hat sie die Weiterbildung maßgeblich mitgeprägt und Verantwortung übernommen für die Qualität und die Weiterentwicklung der mehrteiligen Reihe. 

„Für deine langjährige engagierte Tätigkeit im ifw möchte ich dir stellvertretend für alle aktuellen und ehemaligen Leiter*innen und Mitarbeiter*innen des Instituts ganz herzlich danken. Mit dir verlieren wir eine mitdenkende, vorausschauend planende und verlässliche Dozentin, die nicht nur die Seminare mit großer Leidenschaft durchführt, sondern auch im Hintergrund Verantwortung übernimmt und dabei immer die Teilnehmenden im Blick behält", betonte Petra Wünker, Referentin im ifw. 

Worte des Dankes überbrachte auch Professor Robert Frietsch von der Hochschule Koblenz, der nicht nur in der Weiterbildung für die Masterabsolvent*innen, sondern auch in anderen zurückliegenden CM-Weiterbildungen mit Ruth Remmel-Faßbender zusammen arbeitete. 

Seit 2015 führt das ifw der KH Mainz die große CM-Weiterbildung in Kooperation mit dem Institut für sozialwissenschaftliche Forschung und Weiterbildung (IFW) der Hochschule Koblenz durch. Auch bei dieser Weiterbildung hatte Professorin Ruth Remmel-Faßbender über viele Jahre hinweg die Ausbildungsleitung gemeinsam mit Professor Peter Löcherbach und Professor Martin Schmid von der Hochschule Koblenz inne. 

Interview mit Prof.in Ruth Remmel-Faßbender 

In einem Interview mit Petra Wünker blickt Ruth Remmel-Faßbender zurück auf die Anfänge und Entwicklungen der Case Management Weiterbildungen und die heutigen Herausforderungen.

Rückblickend auf die Case Management Weiterbildungen: An was erinnerst du dich besonders gerne?

Gerne erinnere mich an die Anfänge Ende der 1990er Jahre, als es darum ging ein Curriculum zu entwickeln. Wir waren eine Fachgruppe „Case Management“ der „Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit“ (DGSA), die anfangs in der damaligen KFH Mainz tagte. Es war eine spannende Pionierarbeit gemeinsam mit Peter Löcherbach und Kolleg*innen anderer Hochschulen. Nach vielen bereichernden und auch kontroversen Diskussionen entstand 2002 in Mainz ein erstes Curriculum für eine berufsbegleitende, fachübergreifende und qualifizierte Case Management Weiterbildung, die vom ifw im selben Jahr angeboten wurde. Das Curriculum diente zudem als Grundlage für die später entwickelten Standards und Richtlinien der „Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management“ (DGCC), die sich im Jahr 2004 gründete. Peter Löcherbach und ich gehören zu den Gründungsmitgliedern und das ifw war eines der ersten zertifizierten Institute der DGCC. Als besonders bereichernd habe ich in der Zeit empfunden, dass die neu entwickelten Inhalte in der Lehre im Fachbereich Soziale Arbeit und teilweise auch in gemeinsamen Lehrveranstaltungen mit dem Fachbereich Gesundheit und Pflege einfließen konnten. 

Was sind die größten Veränderungen  und Entwicklungen, die sich im Verlauf der Jahre im Case Management und in der Weiterbildung ergeben haben?

Es gibt zunehmend Sozialgesetze, die die integrative Versorgung von Menschen beinhalten und die Mitwirkung der betroffenen Menschen einfordern, aber es fehlt nach wie vor an der konsequenten Umsetzung: Wir haben sehr zersplitterte Zuständigkeiten und getrennte Finanzierungssäulen. Hier fehlt jedoch die fachlich notwendige Koordination der beteiligten Dienste durch eine/n Case Manager*in. Es gab und gibt damit kontinuierlich neue Handlungsfelder für den Einsatz von CM sowohl in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit -von den Frühen Hilfen bis hin zur koordinierten Betreuung von Menschen am Lebensende - als auch im Bereich der Gesundheit, sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich. Die Standards und Richtlinien der zertifizierten CM-Weiterbildung wurden in 20 Jahren mehrfach verändert, so dass die Lehrinhalte der einzelnen Module immer wieder überarbeitet und angepasst werden mussten. Sehr wichtig war auch die Erarbeitung der ethischen Implikationen für die Durchführung des CM durch die DGCC. Und in „Coronazeiten“ entwickelten wir - teils in Kooperation mit anderen Instituten - sehr schnell curriculare Modelle für eine Online Weiterbildung.

Warum sollten Interessenten heute die Weiterbildung unbedingt absolvieren?

Ich halte eine Steuerung bei Menschen mit komplexen Unterstützungsanforderungen - finanzielle, erzieherische, wohnungsbedingte, schulische, berufliche, gesundheitliche und viele mehr, die oft zusammen auftreten oder sich gegenseitig bedingen - für erforderlicher denn je. Dafür ist CM entwickelt worden. Erstens sind die spezialisierten Angebote in diesen Bereichen oft nicht niedrigschwellig und regional zugänglich und es fehlt - und das ist für mich das zentrale - oft die Gesamtsicht auf den Menschen in seiner aktuellen Lebenslage. Eine Einschränkung oder Belastung, zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder eine schwere Erkrankung in der Familie, kann Menschen in allen Lebensbereichen beeinträchtigen - wirtschaftlich, sozial und psychisch. Es erfordert für die Gestaltung der Alltagssituation nicht nur punktuelle spezifische Hilfen, sondern eine disziplinübergreifende gute Vernetzung aller erforderliche Hilfen im Sinne der Menschen und nicht in der Logik der Dienste. Dafür benötigen wir nach wie vor viele gut ausgebildete Case Manager*innen. Der fachliche Bedarf wächst. Das zeigt sich auch daran, dass das ifw seit 2002 insgesamt 23 zertifizierte CM-Weiterbildungen erfolgreich durchgeführt hat. 
Nach wie vor finde ich es sehr gut, dass das ifw an der KH Mainz eine berufsübergreifende CM Qualifikation anbietet. Wenn jemand die sehr komplexe Lebenssituation eines Menschen ganzheitlich einschätzen muss, ist es hilfreich, die Handlungsfelder, die mit herangezogen werden müssen, zum Beispiel Jugendhilfe, Jobcenter, Suchtberatung, Eingliederungshilfe, bereits zu kennen und Vernetzung in der Weiterbildung bereits konkret einzuüben.

Was möchtest du der aktuellen Ausbildungsleitung mitgeben?

Die jetzige Ausbildungsleitung wird ihren Weg finden und sich mit neuen Entwicklungen im CM auseinandersetzen und diese dann ins Curriculum einfließen lassen. Ich hüte mich vor Ratschlägen, aber ein persönlicher Wunsch wäre, dass man sich an dem Diskurs in der DGCC beteiligt, vielleicht sogar in Gremien. Für mich war das fachlich und persönlich eine große Bereicherung. Ich bedanke mich herzlich bei den Mitarbeiter*innen des ifw der KH Mainz für die lange Zeit der vertrauensvollen, konstruktiven Zusammenarbeit, besonders bei Petra Wünker als zentrale Ansprechpartnerin in den letzten Jahren!

Weitere Informationen:
Case Management Weiterbildung des ifw

Kontakt ifw:
Petra Wünker
+49 6131 28944-610
petra.wuenker(at)kh-mz.de