Zu sehen ist der Haupteingang der Katholischen Hochschule Mainz. Das Gebäude ist rot. Im Vordergrund steht ein blühender Kirschbaum.

„Vergessenes Erinnern“

Hochschule

Hochschulgesellschaft verleiht Förderpreis für Abschlussarbeit über die Aufarbeitung deutscher Geschichte innerhalb der Sozialen Arbeit.

Clarissa Wieland hat in einer Feierstunde am 20.11.2025 den Förderpreis der Hochschulgesellschaft forum sociale e.V. für ihre Bachelorarbeit im Fachbereich Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften erhalten. Die Arbeit mit dem Titel „Vergessenes Erinnern“. Zur (vergessenen) Geschichte der Sophie-Scholl-Schule in Mainz und wie sie sich als Ausbildungsstätte Sozialer Arbeit in das Projekt der ›Volksgemeinschaft‹ eingliederte“ sei unter den 21 eingereichten Arbeiten herausgeragt, betonte die Juryvorsitzende Prof.in Ruth Remmel-Faßbender in ihrer Laudatio.  „Was uns als Jury besonders überzeugte, war zum einen die Einordnung der Fragestellung in die Verantwortung der Sozialen Arbeit im Nationalsozialismus durch die Auswertung der historischen Quellen unter Berücksichtigung der damaligen Ideologie. Zum anderen aber auch die Verknüpfung mit aktuellen theoretischen Positionen der Sozialen Arbeit“, erläuterte Ruth Remmel-Faßbender.

Mit der Entscheidung der Auswahljury werde das Ziel des mit 2000 Euro dotierten Förderpreises absolut treffend erfüllt, unterstrich die Vorsitzende der Hochschulgesellschaft, Prof.in Dr. Nicole Biedinger: „Neben einer sehr guten wissenschaftlichen Abschlussarbeit im Kontext der einschlägigen Theorien und Methoden des Faches wollen wir besonders Arbeiten prämieren, die sich durch eine hohe soziale und gesellschaftspolitische Aussagekraft auszeichnen – auch über die jeweiligen Arbeits- und Berufsfelder hinaus.“

Kritische Selbstbefragung der Profession Soziale Arbeit

„Die Auszeichnung meiner Arbeit bedeutet mir sehr viel, weil sie ein Thema würdigt, das von großer historischer Bedeutung ist und auch 80 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus zur kritischen Selbstbefragung der Profession herausfordert. Es ist ein Thema, das mich persönlich und fachlich bewegt und das mich auch nach den nun über zwei Jahren der Fertigstellung nicht losgelassen hat“, berichtet Clarissa Wieland. Bereits in einem Seminar im 6. und 7. Semester habe sie begonnen, sich mit der Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit und den ‚Leerstellen‘ zwischen den großen geschichtlichen Erzähllinien auseinanderzusetzen. „Unter der Leitung von Spiegelbild e.V. Wiesbaden erforschten wir die Lokalgeschichte der Sozialen Arbeit in Mainz anhand einzelner Biografien und Orte, darunter auch die Geschichte der sogenannten Frauenarbeitsschule“, erzählt Clarissa Wieland. Die Studierenden entwickelten pädagogisches Material, um Sozialarbeiter*innen eine Auseinandersetzung mit der Professionsgeschichte in Mainz während des Nationalsozialismus anzubieten. „Orte wie die Frauenarbeitsschule kamen in Seminarplänen nicht vor, sie tauchten nicht im öffentlichen Erinnern der Stadt auf. Dieser Befund führte zu einer grundlegenden Frage: Wer erinnert eigentlich an wen – und warum?“, erläutert Clarissa Wieland die Entwicklung des Themas ihrer Abschlussarbeit. 

Viele Stunden habe sie im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Mainzer Stadtarchiv verbracht und dabei die Frauenarbeitsschule besonders in den Blick genommen. Diese war und ist bis heute als Sophie-Scholl-Schule eine zentrale Ausbildungsstätte für sozialpädagogische Berufe. Schon damals bildete sie Jugendleiterinnen, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen aus und prägte damit maßgeblich die professionelle Praxis der Sozialen Arbeit in Mainz und der Region. „Für mich wurde bei den Recherchen schnell klar: Ich will nicht irgendeine Geschichte erzählen, sondern die Geschichten derjenigen, die von den Entscheidungen dieser Institution betroffen waren. Ich möchte die Perspektiven derjenigen sichtbar machen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben – nicht unter ‚der Zeit‘, sondern unter dem Handeln anderer Menschen. Und ich möchte fragen, wer Verantwortung trug und wie diese Verantwortung konkret wirksam wurde. Diese Perspektive eröffnet ferner viele Fragen an die Profession der Sozialen Arbeit im Allgemeinen“, betont Clarissa Wieland.

Ergebnisse sind ein Appell an das Erinnern 

Die Ergebnisse ihrer Arbeit zeigten auf, dass die Frauenarbeitsschule als Ausbildungsstätte der Sozialen Arbeit im Nationalsozialismus nicht ‚nur angepasst‘ war, sondern aktiv an der Herstellung von „Volksgemeinschaft“ mitwirkte. „Dies meint, dass Ideologie kein Randphänomen war, sondern wesentlicher Teil der professionellen Ausbildung der Berufe: in Lehrplänen, in Praktika, in überregionalen Ausstellungen und in der Selbstorganisation der Schülerinnen“, erklärt Clarissa Wieland. Gleichzeitig machten die rekonstruierten Biografien sichtbar, dass jüdische Lehr- und Kooperationskräfte innerhalb weniger Monate aus dem beruflichen Umfeld verschwanden, während andere ihre Tätigkeit im neuen System fortsetzten oder ausweiten konnten.

Die Arbeit von Clarissa Wieland mache auf eindrückliche Weise bewusst, wie aktuell und bedeutsam die Auseinandersetzung mit der Thematik sei, betonten Nicole Biedinger und Ruth Remmel-Faßbender in ihren Glückwünschen an die Preisträgerin. „Ich appelliere an die Wachsamkeit aller, gerade in der aktuellen Zeit, wo rechtsradikale Positionen wieder erstarken und individuelle Rechtsansprüche und demokratische Partizipationsmöglichkeiten in Frage gestellt werden“, unterstrich Ruth Remmel-Faßbender. Viele soziale Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände hätten die Zeit von 1933 bis 1945 mittlerweile aufgearbeitet. Aber zugleich bleibe die Beschäftigung mit dieser Thematik häufig noch immer rudimentär. „Eine Profession muss sich jedoch mit dem Erinnern auseinandersetzen und immer wieder aus dieser Zeit lernen“, bekräftigte die Juryvorsitzende.   

Verabschiedung von Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Baum 

Im Rahmen der diesjährigen Preisverleihung galt ein besonderer Dank der Hochschulgesellschaft dem langjährigen Vorsitzenden der Jury Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Baum. Nach über 30 Jahren verabschiedete sich Detlef Baum aus der Auswahljury. Der Preis sei seit seiner ersten Verleihung im Jahr 1990 immer ein Aushängeschild gewesen, welches sowohl die Qualität des Studiums als auch die gesellschaftspolitische Relevanz und Präsenz der Fächer aufzeige, betonte Detlef Baum im Rückblick auf seine Amtszeit.

⇒ Hochschulgesellschaft forum sociale e.V.