Mehr als jeder vierte Erwachsene ist in Deutschland im Laufe eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen (Quelle: Advanced Practice Nurses in der Psychosozialen Gesundheitsversorgung). Der Hilfsbedarf wächst, aber das Versorgungsnetz weist Lücken auf. Wie kann künftig eine langfristige und engmaschige Versorgung von Betroffenen psychosozialer Erkrankungen gelingen? Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz stellt einen Ansatz vor: Das Potenzial von APNs soll künftig besser ausgeschöpft werden.
Pflegekammer entwickelt Aufgabenprofil
Mit einem neu entwickelten Aufgabenprofil für APNs setzt die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz am Punkt klarer Rollenbeschreibung an. Diese kann als Basis für die dauerhafte Integration von APNs in die Versorgung von Patient*innen dienen. APN sind hochqualifizierte Pflegefachpersonen mit Masterabschluss und erweiterter klinischer Kompetenz: „Sie können hochkomplexe Versorgungssituationen einschätzen, Behandlungsprozesse koordinieren und Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige über eine lange Zeit begleiten“, erklärt Ivonne Ledtermann, die das Profil gemeinsam mit einer Expertengruppe mitentwickelt hat. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt KIZ_GESUND an der KH Mainz. Ihren Bachelor- und Masterabschluss in Gesundheit und Pflege mit dem Schwerpunkt Klinische Expertise hat sie ebenfalls an der Hochschule absolviert. Das entwickelte APN-Profil stellte sie im Frühjahr zusammen mit Silke Mathes vor.
Greifen kann die Einbindung von APNs vor allem in Regionen, wo Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Versorgungslücken konfrontiert sind, z. B. bei der Koordination von Behandlungen oder bei der Unterstützung im Alltag.
Klares Aufgabenprofil für bestmögliche Versorgung
Das neue Profil für APNs fokussiert sich auf folgende zentrale Aufgabenbereiche:
- Umfassende Assessments
- Pflege- und Behandlungsplan
- Case Management
- Beratung und Schulung von Betroffenen und Angehörigen
Die Pflegekammer betont dabei die besondere Rolle der Pflege in der psychosozialen Versorgung. Pflegefachpersonen begleiten Betroffene häufig über lange Zeit, koordinieren Übergänge zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen und behalten den Alltag der Patientinnen und Patienten im Blick – von Sicherheit und Orientierung bis hin zu Selbstständigkeit und sozialer Teilhabe.
Ein Beispiel aus der Praxis zeigt ein Projekt am Pfalzklinikum. Dort führen speziell ausgebildete Pflegeexpertinnen präventive Hausbesuche bei älteren Menschen mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen durch. Sie erfassen gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Angehörigen die gesundheitliche Situation, stimmen sich mit Fachärztinnen und Fachärzten sowie Hausärztinnen und Hausärzten ab und planen individuelle Unterstützungsmaßnahmen. So können Probleme früh erkannt und Krankenhausaufenthalte möglichst vermieden werden.
Potenzial nutzen
Nach Einschätzung der Pflegekammer werde das Potenzial von Advanced Practice Nurses bislang noch nicht ausreichend genutzt: „Neben der Psychiatrie könnten sie beispielsweise auch in der Wundversorgung, in hausärztlichen Praxen oder in der Betreuung chronisch kranker Menschen eine wichtige Rolle übernehmen“, erklärt Ledtermann.
KH Mainz wirkt an Weiterentwicklung der APN-Rolle mit
Das Aufgabenprofil wurde von einer Expertengruppe entwickelt, an der auch Mitarbeitende, ehemalige Mitarbeitende sowie ehemalige Studierende der Katholischen Hochschule Mainz beteiligt waren. Als wissenschaftliche Grundlage dienten Erkenntnisse aus internationalen sowie nationalen Forschungsprojekten zur Rolle von Advanced Practice Nurses. Dazu gehört unter anderem das Projekt FAMOUS, das unter Konsortialführung der KH Mainz den Einsatz von APNs in Hausarztpraxen untersuchet hat. Im Projekt konnte gezeigt werden, wie erweiterte pflegerische Kompetenzen zur besseren Koordination der Versorgung und zur Unterstützung chronisch kranker Patientinnen und Patienten beitragen können.
Versorgung durch APNs als Standard
Damit APNs ihr Potenzial entfalten können, fordert die Pflegekammer eine dauerhafte Integration in die Versorgungsstrukturen. Statt zeitlich begrenzter Modellprojekte seien feste Stellen und verbindliche Strukturen notwendig. Zudem brauche es klare rechtliche Rahmenbedingungen, insbesondere bei der Übertragung heilkundlicher Befugnisse.
Das Ziel für die psychosoziale Gesundheitsversorgung fasst Ivonne Ledtermann so zusammen: „Wir möchten erreichen, dass Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen besser durch das Versorgungssystem begleitet werden und frühzeitig Unterstützung organisiert werden kann.“