Zu sehen ist der Haupteingang der Katholischen Hochschule Mainz. Das Gebäude ist rot. Im Vordergrund steht ein blühender Kirschbaum.

„Was kümmert`s uns?“

Hochschule

Fachtag Zivilcourage: Studierende und Fachkräfte diskutieren die Rolle Sozialer Berufe im Spannungsfeld von Zivilcourage und zivilem Ungehorsam.

Was macht gutes zivilgesellschaftliches Engagement aus? Und welche Rolle kommt den sozialen Berufen bei dieser gesellschaftlichen Herausforderung zu? Beim Fachtag Zivilcourage am 21.11.2025 haben sich Fachkräfte aus unterschiedlichen sozialen und kirchlichen Berufsfeldern sowie Studierende der KH Mainz getroffen, um gemeinsam die Gestaltungsmöglichkeiten und Aufgaben sozialer Professionen im Spannungsfeld von Zivilcourage und zivilem Ungehorsam zu diskutieren.

Soziale Arbeit und Kirche als gesellschaftliche Akteure verstehen 

„Viele Menschen – gerade auch in sozialen und helfenden Berufen - erleben im Alltag zunehmende Anfeindungen und eine steigende soziale Ungleichheit. Zugleich wächst der Eindruck, dass ein sozialer Zusammenhalt nicht mehr vorausgesetzt werden kann, ebenso wenig eine Bindung an unsere freiheitlich-demokratischen Werte. Der Fachtag soll einen übergreifenden Austausch zum Thema ermöglichen, der unterschiedliche Akteur*innen von Gesellschaft in den Blick nimmt“, erläutert Prof.in Dr. Kristina Kieslinger, Professorin für Ethik an der KH Mainz, die zusammen mit Prof.in Dr. Christina Kumpmann und Prof. Dr. Jakob Will den Fachtag federführend organisierte. Das Thema unterstreiche auch die Bedeutung der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession für gesellschaftspolitische Themen. „Soziale Arbeit wird viel zu oft nur als Einzelfallhilfe wahrgenommen, sie ist aber auch eine gesellschaftsgestaltende und transformierende Kraft“, betont Jakob Will. Aus der Perspektive der Praktischen Theologie ergänzt Christina Kumpmann: „Theologie und Kirche haben spätestens im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Sozialen Frage erkannt, dass sie sozial- und gesellschaftspolitisch nicht neutral sein können. Es geht um Weltgestaltung. Kirche versteht sich als gesellschaftliche Akteurin, die vor allem um das friedliche und gelingende Zusammenleben von Menschen bemüht ist.“ 

Seismograf für Entwicklungen und Probleme

Nach einer digitalen Einstimmung von Bischof Peter Kohlgraf begrüßte Katharina Heil, Ministerialdirektorin im Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz, die rund 80 Teilnehmenden. Die Katholische Hochschule Mainz sei für das Thema des Fachtags ein bestens geeigneter Ort, da sie mit ihren Studiengängen und Forschungsschwerpunkten in vielerlei Hinsicht nah bei den Menschen sei, betonte Katharina Heil in ihrem Grußwort: „Die Studierenden kommen in Tätigkeitsfelder, die oftmals herausfordernd, vor allem aber sehr sinnstiftend und von ganz essenzieller Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind.“ Sozialarbeiter*innen und Seelsorger*innen erlebten häufig unmittelbar gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme und seien damit auch ein Seismograf dafür, wie es einer Gesellschaft gehe. Mit dem Fachtag verdeutliche die Hochschule einmal mehr, dass sie sich gesellschaftlich engagiere und ein wertvoller Bestandteil der rheinland-pfälzischen Hochschullandschaft sei, unterstrich Katharina Heil.

Keynote und Workshops 

In ihrer Keynote beleuchteten Anja R. Neuner und Sophia Ziese die Bedeutung von Selbstorganisation sowie Bündnisarbeit für Soziale Berufe und warfen einen kritischen Blick auf die Rolle von Social Media in Bezug auf gesellschaftliche Mitgestaltungsprozesse. „Dabei dient uns unser Podcast-Projekt „fair&sozial!?“ als Beispiel. Es zeigt, wie Räume entstehen können, die jenseits klassischer Fachdebatten Austausch, Empowerment und Vernetzung ermöglichen und damit Aktivismus und Praxis miteinander verbinden“, erklärte Sophia Ziese. In den sich anschließenden Workshops setzten sich die Teilnehmenden vertieft mit Schwerpunkten wie Zivilcourage und Demokratieförderung in der Soziale Arbeit, Kirchenasyl, Klimaschutz und ziviler Ungehorsam oder rechtlichen Fragen auseinander. Geleitet wurden die Workshops von Expert*innen aus Berufsverbänden, Nichtregierungsorganisationen, Kirche und Wissenschaft. 

Aktivierung auf Basis begründeter Kriterien

Die Fragen, Erkenntnisse, und Anregungen aus den Workshops brachten die Teilnehmenden in einem abschließenden Galery Walk unter dem Motto „Wie soziale Professionen Gesellschaft mitgestalten“ zusammen. „Persönlich spannend und wichtig finde ich, das Thema nicht nur individualisiert zu betrachten und damit die Gefahr der Verantwortungsverschiebung aufs Individuum in Kauf zu nehmen. Es geht darum, Zivilcourage strukturell und als gesellschaftliche Aufgabe zu denken“, fasst Kristina Kieslinger zusammen. Zugleich habe der Tag gezeigt, dass das Vermitteln von Wissen und Handwerkszeug zur aktiven Mitgestaltung eine wichtige Aufgabe in Ausbildung und Praxis sei. „Als Lehrende können wir aus diesem Tag sicher mitnehmen, wie bedeutend es ist, Studierende mit politischen Prozessen und praxisorientierten Methoden zu Demokratiebildung und bürgerschaftlichem Engagement vertraut zu machen. Dabei geht es keinesfalls um einen Skandal um des Skandals willen. Es geht um Aktivierung entlang argumentativ sowie wissenschaftlich und ethisch gut begründeter Kriterien“, resümieren die Organisator*innen.