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Stipendium der Hochschulgesellschaft forum sociale Mainz e.V. unterstützt Praktikum in Ghana

Sina Fattler, Studentin im siebten Semester des Bachelor-Studiengangs "Gesundheit und Pflege: Physiotherapie" an der KH Mainz, absolvierte im Frühjahr 2020 ein Praktikum bei der Physically Challenged Action Foundation in Offinso (Ghana).

Die Stipendiatin Sina Fattler während ihres Physiotherapie-Praktikums in Ghana. (Bild: Sina Fattler)

Die lange Version des Erfahrungsberichts finden Sie hier.

Die Einrichtung - Physically Challenged Action Foundation

„PCAF“ wurde 1998 von Herrn Barimah Antwi gegründet und bietet heute in der gesamten Ashanti Region einen Anlaufpunkt für Familien mit körperlich beeinträchtigten Kindern. Durch einen Autounfall verlor der spätere Gründer, der gebürtiger Ghanae ist, einen Unterarm. Daraufhin wurde er täglich mit den sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit, Isolation und Diskriminierung konfrontiert. Diese Selbsterfahrung treibt ihn bis heute an.

Schon vor der offiziellen Gründung der Stiftung engagierte er sich für körperlich beeinträchtige Kinder, wodurch ihm die Notwendigkeit einer Änderung immer ersichtlicher wurde.

Er beschloss Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung aus den Familien in eine gemeinsame Wohneinrichtung zusammenzubringen. Zum einen um die Familien zu entlasten, zum anderen um den Kindern neben der Grundversorgung soziale Kontakte, Akzeptanz und Selbständigkeit zu ermöglichen. Seit diesem Zeitpunkt wird Herr Antwi von den Mitmenschen liebevoll „Mr. Ark“ genannt, was von der biblischen Geschichte des großherzigen Arche Noahs abgeleitet ist.

Ab diesem Zeitpunkt ist das PCAF rund um Mr. Ark gewachsen. Heute bildet das PCAF auf einer Fläche von rund 50 Hektar ein Zuhause für rund 80 Kinder und Jugendliche mit körperlicher Beeinträchtigung. Das Zentrum ist aufgebaut wie ein kleines Dorf mit Wohnhäusern, einer Schule, Werkstätten, der Physiotherapie, einer Kirche sowie einer großen Farm mit zusätzlichen Plantagen.

Das Leben im PCAF

Die Bewohner, wertschätzend „Students“ genannt, leben mit bis zu elf weiteren Studenten in mit Stockbetten eingerichteten Zimmern. Es wird nach Geschlecht getrennt und es stehen jeweils fließendes Wasser sowie mehrere Toiletten zur Verfügung. Das Wasser wird über ein Bohrloch – Brunnen gewährleistet, was teilweise auf die Dächer gepumpt wird um dann ausreichend Druck für die Wasserleitungen aufbauen zu können. Fällt dieses System in der Trockenzeit aus, wird das Wasser per Hand in Kanistern transportiert. Die Studenten sind zur höchstmöglichen Selbständigkeit gezwungen. Es wird auf jegliche Betreuer, Pädagogen, Köche oder Reinigungskräfte verzichtet. Dies entlastet nicht nur enorm die Finanzen, viel mehr aber fördert es die Zusammenarbeit, stärkt das Verantwortungsbewusstsein und gibt sinnvolle Beschäftigung. So werden alle Aufgaben von den Studenten selbst erledigt.

Traditionell essen die Ghanaen zweimal täglich. Da die Studenten durch die körperlichen Defizite eine enorme Energieverbrennung haben, wird im Zentrum dreimal täglich gekocht. Zubereitet wird was auf den Plantagen wächst. D.h. was im Überschuss zur Verfügung steht und nicht verkauft wird bzw. nicht geeignet ist. Zwischen den Mahlzeiten ist Zeit für Bildung, Arbeit oder berufliche Ausbildung.

Das Praktikum – Leben und Arbeiten in Westafrika

Im Zentrum arbeitete ich als Physiotherapeutin. Somit kam ich mit fast allen Bewohnern in Kontakt. Neben dieser Arbeit hatte ich die Möglichkeit die Organisationsstruktur des Zentrums kennenzulernen. Leider war es nicht möglich mehr über die Finanzierung dessen zu erfahren. Auch die Bürokratie, die hinter einem solch großen Komplex steht, blieb weitestgehend uneinsichtig. Auch wenn ich mich als Volunteer herzlich willkommen gefühlt habe, wurde mir in diese Rahmenbedingungen kein Einblick gewährt. In welchem Bereich ich allerdings umso mehr Erfahrung sammeln durfte war in der Beobachtung von Strukturen und Hierarchien, die sich wie von selbst ergeben. Gruppendynamiken, die Betreuer nahezu überflüssig machen. Es war beeindruckend zu sehen was Menschen mit starken körperlichen Beeinträchtigungen im Stande sind zu leisten. Da ich in Deutschland als Werkstudentin in einer Praxis mit Vergleichbaren Patienten arbeite, wurden meine Eindrücke dadurch verstärkt. Die Selbstständigkeit der Students ist enorm. Natürlich bewegen sich die Betroffenen alle mit Ausweichmechanismen, Tricks und nicht gelenkschonend aber sie ermöglichen sich somit ein nahezu selbständiges Leben auf Zentrumsebene. Die Aufgaben und die Gruppenzugehörigkeit machen sie stolz, füllen den Tagesplan und halten sie extrem fit. Die Beeinträchtigungen bleiben zwar allgegenwärtig, denn die meist neurologischen Erkrankungen bleiben bestehen, egal wie fleißig man trainiert oder therapiert. Die Aktivitäten und die Partizipation auf Zentrumsebene sind weitaus höher als man erwarten würde, betrachtet man nur den Schweregrad der körperlichen Beeinträchtigung. Die Hierarchien sind klar, für mich als Außenstehende jedoch nicht immer sichtbar, da alles sehr ruhig, ohne viele Worte aber auch ohne Streit abläuft. Es scheint als wüsste jeder was er zu tun hat. Das Alter, die Kommunikationsfähigkeit sowie der Gesundheitszustand scheinen maßgeblich für die Position im Zentrum zu sein. So schöpft jeder der will sein Potenzial aus. Wer sich mehr zutraut bekommt anspruchsvollere Aufgaben. Es lässt sich beobachten, dass sich einige „Teams“ gebildet haben, die sich gegenseitig unterstützen. Sie finden sich so zusammen, dass sie ihre Schwächen gegenseitig ausgleichen können. Somit fallen im Zentrum nur wenige Aufgaben, die sie nicht im Team lösen können. Zweiergespanne, die vielleicht aus Hilfebedürftigkeit und dem Zweck der Notwendigkeit entstanden, wirken auf mich viel mehr wie eine tief verbundene Freundschaft.

Den Schulalltag mit den Kindern zu erleben war ebenfalls sehr eindrücklich. Die Schulgebäude sind gemessen an europäischen Einrichtungen schlicht und einfach. Die notwendigsten Lernmittel wie Papier und Bleistift sind extrem teuer. Wo wir ordnerweise Skripte erhalten, in Farbe und in Großschrift ausgedruckt, hat jedes Kind maximal ein Schulheft. Die Schulbücher werden geteilt. Die Pädagogik ist eine Andere. Es gibt lediglich Frontalunterricht in Form von Nachsprechen und Auswendiglernen. Auch einen Bambusstock sieht man in der Ecke stehen, der bei unsachgemäßem Verhalten eingesetzt wird. Und obwohl offensichtlich ist, dass hier nicht die effektivsten Lernmethoden angewendet werden herrscht eine tolle Atmosphäre. Die Kinder sitzen in Uniform unheimlich stolz auf ihren Bänken. Sie füllen die Bretterbude mit Lächeln und Zufriedenheit.

Die Ausbildungswerkstätten sind sehr einfach und mit dem nötigsten Handwerkszeug ausgestattet. Die Werkzeuge sind meist abgenutzt aber robust. Überwiegend funktionieren sie auch. So z.B. die alten schweren „Singer“ Nähmaschinen mit Fußpedal. Die Schuhmacher stellen Sandalen aus Leder und Lederimitat her. Das Schuhhandwerk ist sehr traditionell. Im Dorf traf ich einen erwachsenen Schuhmacher. Er hat ebenfalls einige Jahre im Zentrum gelebt. Mittlerweile hat er einen kleinen Laden, eine Frau und zwei Kinder. Durch die Ausbildung im Zentrum war es ihm möglich einen Laden aufzubauen und damit sich und seine Familie zu ernähren, Die Schneider/innen nähen hauptsächlich Schuluniformen und Kleider für die Zentrumsbewohner. Hier fehlt es leider an geschicktem Marketing, um die Kleidung im Dorf zu verkaufen. Die Kleider entstehen in einem erstaunlichen Tempo. Ghana ist bekannt für seine bunten Baumwollstoffe, die in der kleinen Werkstatt allesamt verarbeitet werden. Mehrmals im Jahr, je nach finanzieller Lage, drucken Sie selbst Stoffbahnen mit dem Logo des Zentrums und nähen daraus Bekleidung für alle Bewohner. Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl enorm.

Insgesamt verbrachte ich knapp acht Wochen in Ghana. Viereinhalb Wochen im PCAF und über drei Wochen reisen quer durch das Land. Da es mein erster Aufenthalt in Afrika und der erste Auslandsarbeitsplatz überhaupt war, waren die Eindrücke enorm. Es war eine tolle Erfahrung wie gut Therapie mit nonverbaler Kommunikation funktionieren kann, obwohl der Patient geistig beeinträchtigt ist. Es war überfordernd zu spüren, dass man nicht wirklich nachhaltig was verändern kann, egal wie engagiert ich in diesen vier Wochen arbeite. Es mangelt an Hilfsmitteln und Schulbildung. Gleichzeitig war es immer wieder berührend wie positiv die Kinder auf Berührung und Aufmerksamkeit reagieren, so bin ich mir sicher, dass das Erarbeitete größtenteils nicht messbar ist, die Bewohner aber dennoch auf dem weiteren Lebensweg unterstützt. Dieser Praktikumsbericht kann leider nur einen ganz kleinen Ausschnitt von all den vielschichtigen Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen die gesammelt wurden widerspiegeln.

Die zweite Hälfte des Auslandaufenthaltes, nach Abschluss des Praktikums, hat rückblickend einige Eindrücke des Zentrums ausgesprochen verstärkt. Durch die Reise durch das Land, konnte man Vergleiche ziehen und hat den Lebensstandard der einheimischen „Normalbevölkerung“ im Querschnitt erlebt. Diese Eindrücke haben bestätigt, dass der Versorgungsstandard des Zentrums im direkten Vergleich sehr gut ist. Die Toiletten, das fließende Wasser und die Mahlzeiten sind für alle ausreichend. Das Einzugsgebiet der Einrichtung ist riesig und es ist offensichtlich, dass Mr. Ark sich als viel mehr als nur ein Leiter der Einrichtung sieht. Er regt mit seinem Einfluss ein Umdenken an, schafft Ansätze zur Inklusion und bildet Beeinträchtigte aus. Er verhilft ihnen zur Selbständigkeit um später auch eine Familie ernähren zu können. Außerdem vermittelt er das Verständnis, dass jeder der etwas erreichen möchte seinen Beitrag leisten muss und Armut nicht durch Betteln gestillt wird. Dieses Grundverständnis von Selbstwirksamkeit fehlt in den meisten Regionen des Landes, nach meinen Erfahrungen vor Ort.

Verbesserungsansätze

Man hört heraus, dass ich die Physically Challenced Action Foundation als eine sehr gut strukturierte, effiziente Einrichtung bewerte. Alle Bewohner werden bestmöglich, den Landesinternen Rahmenbedingungen entsprechend, versorgt. Bei privaten, spendenfinanzierten Einrichtungen ist es natürlich eine Frage des Blickwinkels und des Leitgedankens wohin die Gelder fließen. So wäre ein Ansatzpunkt sicherlich, anstatt in weitere Gebäude, das vorhandene Geld in Bildung zu investieren. Da einige Kinder sehr spät in das Zentrum ziehen, weil sie zuvor bei ihren Familien leben, die Krankheit noch nicht diagnostiziert ist oder die Eltern nicht über die Anlaufstelle informiert sind, haben sie häufig den Schuleintritt versäumt. Dies aufzuholen, für körperlich beeinträchtige Kinder, die die ersten Lebensjahre meist unter Isolation litten und außerdem keinerlei professioneller Förderung erhielten ist schwer. Der Förderbedarf im Zentrum ist exorbitant. In den Therapieeinheiten wurde deutlich, dass besonders die Kinder, die Verglichen mit ihrer Lebensdauer, schon lange im Zentrum wohnen auf körperliche Nähe reagieren. Der sensorische Input machte einige sehr aufbrausende Kinder plötzlich ruhig, einige schliefen daraufhin ein. Einige Mädchen begannen auffallend viel zu erzählen. Daraus lässt sich mutmaßen, dass einige Kinder von einer zusätzlichen Bezugsperson profitieren, die sowohl als Ansprechpartner dient, aber auch Zuneigung, Akzeptanz sowie Führung gibt. Der Großteil der Kinder reagierte positiv auf alle Anregungen wie Spielangebote, Gespräche, gemeinsames Musizieren und spielerisches Lernen. Auch diesen Input könnten Gruppeninterne Betreuer oder ausgebildete Pädagogen leisten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Institution eine tolle Einrichtung ist, die ein Zuhause bietet, Zusammenhalt und Zukunftsperspektiven schenkt. Dieser Wert wird durch freiwillige, externe Arbeiter enorm gesteigert. Die Kinder und Jugendlichen profitieren, wie oben beschrieben von jeglicher Art der Interaktion. Dieser Profit ist meines Erachtens jedoch keinesfalls Einseitig. Wer sich dafür interessiert das Zentrum und die Bewohner kennenzulernen, bekommt die Chance unglaublich viel Lebensfreude, Dankbarkeit und Leichtigkeit zu spüren. Abschließend wäre festzustellen, dass alle Erfahrungen unter diesen Rahmenbedingungen eine Lebenserfahrung ergaben, die unter die Haut ging.